02.12.2019

Iran: Geiseln im eigenen Haus

Zu den Protesten im Iran ein Kommentar von Hasti Dreytza für idea

Am 15. November wurde im Iran eine dreihundertprozentige Benzinpreis-Erhöhung angekündigt. Die Folge waren heftige Proteste quer durch das ganze Land, wenn auch zum Teil mit Blumen in der Hand. Das Internet wurde für eine Woche gesperrt. Regierung und Polizei haben hart reagiert: Mehr als 7.000 Leute wurden laut Regierungsangaben verhaftet. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Die Journalistin Masih Alinejad berichtet, dass mehr als 200 Menschen gestorben sind.

Wenn die Kinder Hunger haben

Was ich darüber denke? Wenn Kinder sehr hungrig sind und das Mama und Papa sagen: Wie reagieren sie normalerweise? Mit Schlagstock und Elektroschocks? Mit Axtschlägen und Säbelhieben auf Hand und Kopf der Kinder? Mit einem Schießbefehl für Scharfschützen und Polizisten, aber bitte nur halsaufwärts treffen, damit die Kinder sterben? Indem sie Strom und Internet im Kinderzimmer abschalten, damit die Kinder keine Hilfe suchen können? Indem sie ihren Nachwuchs mit einem Stromkabel strangulieren, erst recht, wenn sie Christen sind?

Reagieren Eltern normalerweise so? Natürlich nicht! Fähige Eltern geben ihren Kindern sofort etwas Gutes zu essen. Fähige Eltern schauen nicht schweigend zu, wenn sie von der Misshandlung der Nachbarskinder erfahren. Sie sagen auch nicht harmlos: „Du, du!“, weil sie unbedingt den Handel mit den Nachbar-Eltern erhalten wollen. Aber genau das ist die Situation im Iran.

Wie schlechte Stiefeltern

Das Problem ist: Die echten Eltern sind gestorben und haben ein reiches Erbe hinterlassen. Dann sind Mullahs gekommen und haben sich als Eltern ausgegeben. Aber sie sind schlechte Stiefeltern, haben den Familiennamen geändert, das Erbe verschleudert und unter sich aufgeteilt. Protestierende Kinder nennen sie „Distel, Geier, Feind und Provokateur“ (O-Töne: Ahmadineschad, Ruhani, Chamenei).

Das Ergebnis: Wir Kinder des Iran, wir Kinder Persiens sind Geiseln im eigenen Haus. Dabei werden die Geiselnehmer zwar jeden Tag merklich schwächer, dafür aber brutaler, weil sie panische Angst vor ihrem nahenden Ende haben.

Wir brauchen Unterstützung

Was hilft uns? Ich meine, wir brauchen Licht und Wärme. Viele Kinder meiner Familie haben Jesus als echten Vater und als Licht gefunden. Dadurch sind sie wie Sterne geworden, leuchten und stecken andere an. Das wärmt in kalter Zeit! Ihr Gebet für diese Kinder hilft deshalb unbedingt!

Aber Gebet allein reicht nicht. Wir brauchen viele Nachbarskinder, die bei ihren jeweiligen Eltern wegen der Misshandlung der Nachbarskinder laut protestieren. Wir brauchen viele starke Eltern, die laut und deutlich unsere Stimme werden, die sich für unser Leben, für unsere Freiheit und Sicherheit einsetzen und nicht nur das Geld im Blick haben. Denn wir haben fast keine Stimme mehr und sind müde geworden.

(Die Autorin, die Iranerin Hasti Dreytza, verließ 2012 ihr Heimatland. 2015 kam die gebürtige Muslimin nach Deutschland und konvertierte zum Christentum. Sie ist mit Pastor Stephan Dreytza verheiratet.)