13.11.2019

Pakistan: Die Stimmung gegen Christen ist noch aggressiver geworden

Menschenrechtsanwältin: Sie müssen ständig mit Angst vor Gewalt leben

Schwäbisch Gmünd (idea) – Nach der Freilassung der Christin Asia Bibi aus pakistanischer Haft im Oktober 2018 ist die dortige Stimmung gegen Christen noch aggressiver geworden als zuvor. Viele Menschen seien wütend über den Freispruch der im November 2010 wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilten Katholikin und übten nun an anderen Christen Rache. Das berichtete die pakistanische Menschenrechtsanwältin und Gründerin der Organisation „The Voice“ (Die Stimme), Aneeqa Maria Anthony (Lahore), auf dem Kongress „Christenverfolgung heute“, der vom 10 bis 13. November in Schwäbisch Gmünd stattfand. Bibi war beschuldigt worden, als „Ungläubige“ durch Berührung eines Gefäßes das Wasser für muslimische Feldarbeiterinnen verunreinigt und sich im Streit beleidigend über den Propheten Mohammed geäußert zu haben. Am 31. Oktober 2018 sprach der Oberste Gerichtshof Pakistans sie frei. Nach dem Freispruch riefen religiöse Fanatiker zur Rebellion gegen die Regierung auf. Am 29. Januar 2019 wurde der Freispruch höchstrichterlich bestätigt. Im Mai konnte Bibi nach Kanada ausreisen. Laut Anthony ist die Lage für die Christen in Pakistan äußerst gefährlich. Verfolgung gehe sowohl von der Gesellschaft als auch von der Politik aus und betreffe alle Minderheiten des Landes, so die 38-Jährige. „Wir müssen ständig mit der Angst leben, dass wir oder unsere Kinder Gewalt erleben, überfallen oder gar vergewaltigt werden.“ Auch wenn Christen ihre Gottesdienste offiziell abhalten dürften, würden sie dabei oft von lokalen Behörden beobachtet und stünden häufig in der Gefahr, Opfer von Übergriffen radikaler Islamisten zu werden. Dies gelte gerade für Christen, die in der Jugend- und Missionsarbeit aktiv sind.

Immer wieder unberechtigte Anklagen gegen Blasphemie

Anthony zufolge werden Christen immer wieder fälschlich der Blasphemie bezichtigt und angeklagt. Dahinter steckten verschiedene Beweggründe: Manche wollten an Christen Rache üben oder zeigten sie aufgrund ihres Glaubens an. Andere versuchten, auf diesem Wege an den Grundbesitz der Angeklagten zu kommen oder wollten so Widerspruch bei Streitigkeiten zum Schweigen bringen. Selbst wenn es bei Prozessen deutliche Zeichen für die Unschuld des Angeklagten gebe, zögerten die Gerichte häufig, Recht zu sprechen. Groß sei die Angst vor erneuten Protesten, wie sie die Freilassung Bibis auslöste. Sie führten laut Anthony zu wirtschaftlichen Verlusten in Höhe von umgerechnet 1,2 Milliarden Euro. Die Politik sei darin gescheitert, den Minderheiten Pakistans das Gefühl von Schutz und Sicherheit zu geben. Seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1948 sei der Bevölkerungsanteil von Angehörigen religiöser Minderheiten von 22 Prozent auf derzeit 3,7 Prozent gesunken. Von den rund 200 Millionen Einwohnern Pakistans sind etwa 95 Prozent Muslime, zwei Prozent Christen und zwei Prozent Hindus.