16.12.2019
Griechenland: Lesbos mit 18.000 Flüchtlingen überfüllt
„Camp Moria“ Hilfswerksmitarbeiterin: Die Lage ist unerträglich
Lesbos (idea) – Im Flüchtlingslager „Camp Moria“ auf der griechischen Mittelmeerinsel Lesbos ist die Zahl der Schutzsuchenden erstmals auf 18.000 gestiegen. Das bestätigte die dort tätige Mitarbeiterin des Gießener Hilfswerks Global Aid Network (Globales Hilfsnetzwerk/GAiN), Andrea Wegener, gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). 5.000 von ihnen seien Kinder und über 1.000 unbegleitete minderjährige Jugendliche. Die Lage sei unerträglich, so Wegener, die seit einem Jahr auf der Insel arbeitet. Das Camp sei eigentlich ein Erstaufnahmelager und ursprünglich für 3.000 Personen ausgelegt. Mittlerweile seien rund 5.000 Menschen auf dem Gelände untergebracht, alle anderen lebten in den umliegenden Olivenhainen. In manchen Bereichen gebe es weder Toiletten noch Elektrizität. Es schmerze sie besonders, dass rund 760 der unbegleiteten Minderjährigen keinen Platz im Lager erhielten, obwohl sie ein Recht darauf hätten, in einem für sie eingerichteten Bereich untergebracht zu werden. Weil der aber bereits überfüllt sei und die Jugendlichen im übrigen Lager aus rechtlichen Gründen nicht einquartiert werden dürften, suchten sie sich selbst irgendwo auf der Insel einen Unterschlupf. Auch alleinstehende Frauen könnten kaum noch geschützt werden, weil die für sie vorgesehenen Schutzzonen völlig überfüllt seien. Gewalt und Vergewaltigungen seien an der Tagesordnung.
Keine Schulen für Flüchtlingskinder
Wegener arbeitet unter der Flagge der griechischen Hilfsorganisation „EuroRelief“ – einer Partnerorganisation von GAiN. Seit Ende Oktober koordiniert sie die Arbeit des Hilfswerks im Camp. Mit rund 60 Freiwilligen ist sie dafür verantwortlich, Neuankömmlinge im Lager mit dem Nötigsten auszustatten und ihnen einen Platz zuzuweisen. Die Aufenthaltsdauer der Flüchtlinge sei sehr unterschiedlich. Sie hänge davon ab, ob und wie schnell die Behörden ihnen eine Reiseerlaubnis auf das Festland ausstellten. Manche müssten nur wenige Tage bleiben, andere hingegen mehrere Monate oder gar Jahre. Gerade für Kinder sei das ein unhaltbarer Zustand, so die 44-Jährige. Da es sich um ein Übergangslager handle, gebe es keine Schulen. Einige Hilfswerke böten einzelne Unterrichtseinheiten an.
Der Winter naht
Der nahende Winter mache die Flüchtlinge nervös. Etwa 7.000 Menschen lebten derzeit in einfachen Zelten außerhalb des offiziellen Lagers. Häufig hätten sie nicht einmal eine isolierende Europalette unter sich. Bereits jetzt lägen die Temperaturen nachts bei etwa drei Grad. Die Flüchtlinge entzündeten deswegen Feuer, was angesichts der beengten Lage „brandgefährlich“ sei.
Griechenland ist mit den Flüchtlingen überfordert
Ein Ende der prekären Lage im „Camp Moria“ ist Wegener zufolge nicht in Sicht: „Wir fragen uns hier immer wieder: Wie viele Menschen müssen hier noch sterben, bis etwas geschieht?“ So seien etwa während eines Brandes im September acht Menschen gestorben. Die griechische Regierung sei mit der Zahl der Menschen „schlicht überfordert“. Das Land müsse das Versagen Europas in der Flüchtlingsfrage ausbaden. Mit Ankündigungen, Lager wie „Camp Moria“ zu schließen und stattdessen kleinere geschlossene Lager zu errichten, sowie dem Versuch, Asylverfahren schneller durchzuführen, probiere die Regierung das Problem zu lösen. Vor drei Wochen hätten die Behörden deswegen im Camp den Asylantrag von 28 Personen aus Afrika ohne Anhörung abgelehnt: „Sie erhielten die Ablehnung ohne Prozess mit der Begründung, man habe keine Übersetzer“, so Wegener. Das verstoße klar gegen die Menschenrechte.
Wegener: Debatte um Seenotrettung wird kaltblütig geführt
Wegener äußerte sich auch zur Debatte um Seenotrettung in Deutschland. Diese werde teilweise „kaltblütig“ geführt. „Wir müssen uns immer wieder bewusstwerden, dass das Menschen sind, die hier in Not geraten.“ Lesbos ist die drittgrößte Insel Griechenlands und hat 85.000 Einwohner. „Camp Moria“ wurde im November 2015 eröffnet. Seit dem Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei im März 2016 kamen zeitweise weniger Flüchtlinge über diesen Seeweg. Seit August 2019 landen aber wieder deutlich mehr Menschen auf der Insel. Der Lagerleiter von Moria, Giannis Balbakakis, trat im September aufgrund der chaotischen Zustände zurück. Bis heute ist kein Nachfolger benannt. Wegener hat über ihre Erlebnisse im „Camp Moria“ das Buch „Wo die Welt schreit“ (Verlag Fontis) geschrieben.