13.12.2024
Syrien: Zwischen Angst und vorsichtigem Optimismus
Kirchenleiter und Hilfswerke geben unterschiedliche Einschätzung
Damaskus (IDEA) – Die Lage der christlichen Minderheit in Syrien ist weiterhin unklar. Es gibt sehr widersprüchliche Aussagen. Die Internetplattform „Christian Post“ berichtete, dass die Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die den Diktator Baschar al-Assad gestürzt hat, in der früheren christlichen Hochburg Aleppo Nahrungsmittelhilfen für 20.000 Christen beschlagnahmte. Diese hatte das US-Hilfswerk Global Christian Relief (GCR) geliefert. Es unterstützt nach den Worten seines Präsidenten David Curry (Santa Ana im US-Bundesstaat Kalifornien) Christen in Syrien seit über zwei Jahren. Wie Curry weiter sagte, war Aleppo historisch immer das „Zentrum des christlichen Glaubens in Syrien“. Doch mittlerweile seien viele Christen auf der Flucht. Die Stadt sei „ein sehr gefährliches Gebiet für Christen“ geworden. Die verbliebenen Christen versuchten, ihren Glauben und ihre Traditionen aufrechtzuerhalten. Vor dem 2011 begonnenen Bürgerkrieg seien etwa zehn Prozent der 20,6 Millionen Einwohner Syriens Christen gewesen. Heute seien es weniger als 300.000. Der designierte US-Präsident Donald Trump müsse dafür sorgen, dass im Land humanitäre Korridore geschaffen würden, damit vertriebenen Menschen geholfen werden könne.
Weihnachtbäume in Aleppo beseitigt
Der Diakon und Ökumenebeauftragte der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien in Berlin, Amill Gorgis, sagte gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“, die syrischen Christen seien zwiegespalten. Sie seien einerseits erleichtert, dass der Diktator Assad gestürzt worden sei. Zwar hätten Christen unter seinem Regime Schutz genossen, doch die wirtschaftliche Lage sei katastrophal gewesen. Viele Menschen hätten gehungert. Andererseits sei ungewiss, was die HTS-Kämpfer vorhätten: „Die befürchteten Morde, Raubüberfälle, Racheakte an Christen sind größtenteils ausgeblieben. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass die Rebellen immer noch Islamisten sind.“ So hätten die Kämpfer in Aleppo die Weihnachtsbäume aus dem öffentlichen Raum entfernt. Gorgis: „Diese Geste übermittelt eine Botschaft: Das Land soll eine islamische Prägung bekommen.“ Menschen nichtmuslimischen Glaubens dürften mit ihren Symbolen und Traditionen nicht mehr öffentlich sichtbar sein.
Gut besuchte Gottesdienste
Positiver blickt der Generalsekretär der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF), Alan Donaldson (Amsterdam), in die Zukunft. Er berichtete, dass er aus dem Land Informationen erhalten habe, nach denen die Rebellen die religiösen Minderheiten schützen. Er habe Fotos gesehen, die volle Kirchen und Gemeindehäuser zeigten. Das sei ermutigend. Auch er rief auf Facebook dazu auf, weiterhin für die christlichen Minderheiten in Syrien zu beten. In Syrien gibt es 13 Baptistengemeinden mit rund 600 Mitgliedern.
Assyrer warnen vor tickender Zeitbombe
Der assyrische Christ und Vorsitzende des Assyrischen Kulturvereins Saarlouis, Charli Kanoun, warnte dagegen auf Facebook vor einer tickenden Zeitbombe. Mit der Öffnung der Gefängnisse in Syrien seien auch Tausende von ehemaligen Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) befreit worden. „Auch wenn im Moment alle zu Ruhe aufrufen, werden wir erleben, dass Menschen Rache nehmen. Viele werden nicht Disziplin einhalten. Wir werden Terroranschlägen erleben, politische Morde.“ Syrien kenne bisher nur „Diktatoren und Islamisten“. Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Gleichberechtigung gebe es im kulturellen Leben des Landes nicht. „Man sollte schnell handeln und die assyrischen Christen aus Syrien rasch evakuieren“, forderte Kanoun.
Bischof: Erstes Treffen mit neuen Machthabern
Nach einer Mitteilung des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ gab es ein erstes Treffen des armenisch-katholischen Bischofs von Damaskus, Georges (Kévork) Assadourian, mit den neuen Machthabern. Bei dem Gespräch im Hauptquartier der islamistischen Rebellengruppen hätten deren Vertreter versichert, „dass alles gut werden würde und wir uns keine Sorgen machen müssten“, berichtete der Bischof. In dem Hauptquartier seien auch ausländische Botschafter anwesend gewesen. Aktuell sei die Lage in Damaskus ruhig.