20.05.2025

Südafrika: Droht ein Genozid an weißen Siedlern?

US-Präsident Donald Trump hat ihnen Asyl angeboten. Es finde ein „Genozid“ an dieser Bevölkerungsgruppe statt. IDEA-Redakteur Daniel Scholaster hat bei zwei in dem Land lebenden Bischöfen nachgefragt.

(IDEA) Die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, weiße Südafrikaner als Flüchtlinge in den Vereinigten Staaten aufzunehmen, hat viel Kritik hervorgerufen. Er wirft dem Land vor, die weiße Minderheit zu benachteiligen und ihre Angehörigen zu enteignen. Es finde ein „Genozid“ an dieser Bevölkerungsgruppe statt. Anlass ist ein neues Gesetz, das der südafrikanischen Regierung die Möglichkeit einräumt, Grundbesitz zu beschlagnahmen. Er ist bis heute zu einem großen Teil in der Hand weißer Siedler. Südafrikanische Geistliche werben unterdessen für eine differenzierte Beurteilung der Lage in dem Land. Der frühere Bischof der Evangelischen Stadtmission im Südlichen Afrika, Martin Frische (Pretoria), wies gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA auf die hohe Kriminalitätsrate des Landes hin, das auf Platz 5 der Weltrangliste liege. Seiner Ansicht nach sind Farmer aller Hautfarben aufgrund ihrer oft abgelegenen Wohnorte der Gefahr durch Kriminelle ausgeliefert. „Wenn Farmen ausgeraubt werden, sind nicht nur die weißen Besitzer bedroht, sondern oft auch deren nicht-weiße Angestellte.“

Julius Malema und das Lied „Tötet den Farmer“

Dass dieses Thema in der Öffentlichkeit und weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung findet, ist laut Frische auf das emotionale und von Hass geschürte Verhalten des Gründers und Vorsitzenden der marxistischen Partei „Economic Freedom Fighters“ („Kämpfer für wirtschaftliche Freiheit“), Julius Malema, zurückzuführen. Malema hatte im Jahr 2016 seine Anhänger dazu aufgerufen, das Land weißer Farmer zu besetzen und erklärt: „Wir rufen nicht zum Abschlachten von Weißen auf, zumindest vorerst nicht.“ Im Juni 2018 geriet er erneut in die Schlagzeilen, als er auf die Frage, ob er an der Organisation von Morden an weißen Farmern beteiligt sei, eine unklare Antwort gab: „Vielleicht, vielleicht auch nicht“. Darüber hinaus singen er und seine Anhänger seit 2010 das Anti-Apartheid-Lied „Dubul‘ ibhunu“ („Tötet den Farmer“ oder „Tötet den Buren“) und hetzen weitgehend ungehindert gegen diese Gruppe. Buren werden die weißen Siedler in Südafrika genannt, deren Vorfahren überwiegend aus den Niederlanden, Deutschland oder Frankreich stammten. Gemeinsam mit den Nachfahren der früheren britischen Kolonialherren bilden sie heute noch etwa sieben Prozent der Bevölkerung. Dabei argumentiert Malema, dass das Lied nicht zur Tötung einzelner Menschen aufrufe, sondern sich gegen die Unterdrückung der Schwarzen richte.

10.000 weiße Farmer wollen in die USA auswandern

Frische schildert, dass sich zahlreiche Landwirte von der Regierung und ihren Organen nicht mehr ausreichend geschützt fühlten. Viele hätten daher in den letzten Jahren bereits das Land verlassen, während andere überlegten, auszuwandern oder ihre Höfe aufzugeben. Laut Medienberichten erwägen 70.000 Buren, darunter 10.000 weiße Farmer, das Angebot des US-Präsidenten anzunehmen. Auf der anderen Seite wollten viele in Südafrika bleiben, so Frische, erwarteten aber von der Regierung, dass sie mehr für den Schutz der Farmbesitzer und ihrer Angestellten unternehme. Einer von ihnen habe kürzlich auf einer Landwirtschaftsmesse erklärt, er respektiere die Entscheidung von Südafrikanern, auszuwandern: „Es gibt viele von ihnen in unserer Nachbarschaft. Ich habe persönliche Erfahrungen mit Morden auf Farmen. Es ist sehr brutal.“ Auch Landarbeiter, aber vor allem die Farmer würden zur Zielscheibe. „Es gibt Gründe, warum sich die Menschen auf dem Lande unsicher fühlen.“ Der Farmer selbst habe jedoch seine Absicht bekundet, im Land zu bleiben und etwas zu bewirken. Auch Frische, der im Ruhestand als Pastor in Pretoria wirkt und seit über 50 Jahren in Südafrika lebt, erklärte, dass er das Land und seine multikulturelle Bevölkerung lieben gelernt habe. Obwohl auch seine Familie nicht verschont geblieben sei – „wir haben in den fünf Jahrzehnten insgesamt vier Einbrüche erlebt und meine Schwester wurde 1998 in ihrer Wohnung in Durban ermordet“ – lebt sie ohne Angst, „weil letztlich Gott über unser Leben wacht“.

 

Lutherischer Bischof: Die hohe Verbrechensrate betrifft alle Bevölkerungsgruppen

Der Bischof der Nordöstlichen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südafrika, Theodor Jäckel (Pretoria), betont, dass die Lage differenziert betrachtet werden müsse. Pauschale Aussagen oder mediale Vereinfachungen griffen oft zu kurz und spiegelten nicht die vielschichtige Realität wider. „Dies ist meine persönliche Sichtweise, die nicht zwangsläufig die Meinung aller Mitglieder oder Gremien der Kirche widerspiegelt. Als Kirche setzen wir uns für Versöhnung, Gerechtigkeit und ein friedliches Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen ein – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe.“ Die Behauptung, dass weiße Südafrikaner systematisch gefährdet seien und deshalb als Flüchtlinge anerkannt werden sollten, ist Jäckel zufolge Teil eines politisch aufgeladenen Diskurses, dem es oft an Differenzierung fehle. Zwar habe es tragische Vorfälle in Südafrika gegeben, die auch weiße Farmer betroffen hätten. Diese seien jedoch im Kontext eines allgemeinen Kriminalitätsproblems zu sehen, das Menschen aller Bevölkerungsgruppen betreffe.

„Die Rede von einem ‚Genozid‘ an Weißen verzerrt die Wirklichkeit“

Die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte blieben eine erhebliche Herausforderung. Wer jedoch von „weißer Verfolgung“ oder gar „weißem Genozid“ spreche, verzerre die komplexe Wirklichkeit des Landes. Aus christlicher und seelsorgerlicher Perspektive berge eine solche Darstellung die Gefahr, Ängste zu schüren, Spaltungen zu vertiefen und rassistische Spannungen zu verstärken. Die Aufgabe der Kirche sei es jedoch, zu Versöhnung, Wahrhaftigkeit und Solidarität beizutragen. „Wir müssen das Leid aller Bevölkerungsgruppen in Südafrika anerkennen – sowohl in ländlichen als auch städtischen Gebieten, bei Schwarzen wie bei Weißen – und uns für Gerechtigkeit, Sicherheit und Teilhabe für alle einsetzen.“ Die Sicherheitslage in Südafrika sei ohne Zweifel ernst und müsse angegangen werden. Sie lasse sich jedoch nur durch soziale Gerechtigkeit, die Stärkung der Demokratie und gemeinschaftliche Verantwortung verbessern und nicht durch vereinfachende oder polarisierende Narrative.