06.01.2026

Venezuela: Christen hoffen auf friedlichen Regierungswechsel

Reaktionen zum Sturz des Diktators Nicolás Maduro

Caracas/Brüssel/Bonn (IDEA) – Der US-Militäreinsatz in Venezuela und die Verhaftung des sozialistischen Machthabers Nicolás Maduro haben weltweit sowohl Jubel als auch scharfe Kritik ausgelöst. US-Streitkräfte hatten in der Nacht auf den 3. Januar die Hauptstadt Caracas und weitere Ziele in Venezuela angegriffen. Dabei soll eine bisher noch unbekannte Zahl von Menschen getötet worden sein, darunter Militärangehörige und Zivilisten. Präsident Maduro und seine Ehefrau wurden in ihrer Residenz, die sich in einem Militärkomplex befindet, festgenommen. Beide sollen nun in New York unter anderem wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung und Förderung des internationalen Drogenhandels vor Gericht gestellt werden. Maduro hatte 2013 die Nachfolge des diktatorisch regierenden Hugo Chávez (1954–2013) angetreten.

Oppositionelle und Exilvenezolaner begrüßen den Sturz Maduros

Vertreter der Opposition und zahlreiche Exil-Venezolaner begrüßten die Gefangennahme Maduros. Die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado betonte in einer auf X (ehemals Twitter) verbreiteten Botschaft, dass die Zeit für einen demokratischen Übergang und die Freilassung der politischen Gefangenen gekommen sei. Die USA hätten ihr Versprechen eingelöst, das Recht durchzusetzen, nachdem Maduro sich geweigert habe, eine politische Lösung zuzulassen. Er müsse sich nun vor der internationalen Justiz für seine Verbrechen an den Venezolanern und den Bürgern anderer Staaten verantworten. „Die Stunde der Freiheit ist gekommen!“ Die Politikerin rief dazu auf, den am 28. Juli 2024 gewählten Edmundo González Urrutia als legitimen Präsidenten Venezuelas anzuerkennen. Er müsse unverzüglich sein Amt antreten und von den venezolanischen Streitkräften als Oberbefehlshaber akzeptiert werden.

Unterstützung aus Frankreich

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekundete auf X seine Unterstützung für Machados Forderungen. Er habe bereits mit ihr gesprochen und begrüße ihren Aufruf zur Freilassung und zum Schutz der politischen Gefangenen des Regimes von Maduro. Wie alle Venezolaner könne sie auf die Unterstützung Frankreichs zählen, „um die Stimme für einen friedlichen, demokratischen Übergang zu erheben, der den souveränen Willen des venezolanischen Volkes uneingeschränkt respektiert“.

EU: Die Venezolaner sollen selbst über ihre Zukunft entscheiden

Die Europäische Union (EU) wiederum hat alle beteiligten Akteure zu Besonnenheit und Zurückhaltung aufgerufen, um eine Eskalation zu verhindern und eine friedliche Lösung herbeizuführen. Das betonten 26 der 27 Mitgliedstaaten (Ungarn beteiligte sich nicht) in einer gemeinsamen Erklärung. Sie unterstreichen die Bedeutung der Achtung des Völkerrechts, der Menschenrechte und der Prinzipien der UN-Charta. Sie bekräftigten zugleich, dass Maduro nicht die Legitimität eines demokratisch gewählten Präsidenten besitze. Sie sprechen sich ferner für einen von den Venezolanern getragenen, friedlichen Übergang zur Demokratie aus. Entscheidend sei, dass das Recht des venezolanischen Volkes, über seine eigene Zukunft zu bestimmen, respektiert werde. Die EU teilt nach eigenen Angaben das Anliegen Präsident Trumps, grenzüberschreitende organisierte Kriminalität und Drogenhandel zu bekämpfen. Dabei betont sie, dass diese Herausforderungen nur durch nachhaltige Zusammenarbeit im Einklang mit internationalem Recht sowie der territorialen Integrität und Souveränität der betroffenen Staaten gelöst werden könnten. In der aktuellen Situation sei es laut EU unerlässlich, dass alle Beteiligten die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht uneingeschränkt achten. Zudem fordert die EU die bedingungslose Freilassung aller politischen Gefangenen in Venezuela.

 

IGFM: Der Diktator ist weg, die Diktatur noch nicht

Auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) begrüßt den Sturz Maduros, wie sie auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA mitteilte. Die Organisation stehe im Austausch mit venezolanischen Menschenrechtlern und Vertretern der Zivilgesellschaft. „Viele freuen sich darüber, dass der verhasste und brutal regierende Machthaber Maduro festgenommen wurde.“ Millionen Venezolaner hätten nach Jahren der Verfolgung und Repression und aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage das Land verlassen. „Jahrelang haben sie sich mehr Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erhofft und freuen sich nun, dass der Diktator verhaftet wurde.“ Doch mit ihm sei nicht die Diktatur verschwunden. „Der weitere Ausgang ist laut unseren Kontaktpersonen weiterhin ungewiss.“ Sie gäben ihre Hoffnung auf eine wahre Demokratisierung in Venezuela und ein Ende des jetzigen Regimes nicht auf. Die IGFM äußerte sich auch zur Lage zum diktatorisch regierten Kuba. Das dortige Castro-Regime habe die „katastrophale Menschenrechtssituation“ in Venezuela mitverursacht und sei zugleich auf das Öl des südamerikanischen Landes angewiesen. Sollten die Öllieferungen die Karibikinsel nicht mehr erreichen, drohe eine massive Verschärfung der Lage auf Kuba.

Katholische Bischöfe rufen zum Gebet und zum Gewaltverzicht auf

Die katholischen Bischöfe Venezuelas haben laut einem Bericht der „Vatican News“ bereits eine Botschaft an die Bevölkerung gerichtet. Darin rufen sie zu Einheit und Gebet auf und fordern, alle anstehenden Entscheidungen zum Wohl des Landes zu treffen. Sie betonen die Bedeutung des Gebets für die Einheit der Nation und fordern dazu auf, jede Form von Gewalt zu vermeiden. Die Bischöfe bekundeten zudem ihre Solidarität mit den Opfern der Angriffe und deren Familien.

Baptisten: Christen in Sorge wegen ungewisser Zukunft

Nach der Gefangennahme Maduros ist die Stimmung in der Bevölkerung von Unsicherheit und Hoffnung auf einen politischen Wechsel geprägt. Das berichten Mitarbeiter des christlichen Entwicklungsdienstes Coworkers (Stuttgart) unter Berufung auf die „Obra Bautista Venezolana“ (Venezolanische Baptistenarbeit), den venezolanischen Baptistenbund. Der Angriff habe die meisten Venezolaner unerwartet getroffen, wie Coworkers auf IDEA-Anfrage mitteilte. Obwohl in der Vergangenheit immer wieder Gerüchte über eine mögliche Invasion der USA kursierten, habe niemand ernsthaft an eine tatsächliche militärische Auseinandersetzung geglaubt. Die Mehrheit der Venezolaner hoffe auf einen Regierungswechsel im Land, der zu einem Leben in Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit führen werde. „Aus diesem Grund gibt es derzeit keine Protestkundgebungen auf den Straßen, sondern alle bleiben zu Hause und warten mit Ungewissheit darauf, was passieren wird.“ Die Ereignisse haben demnach auch Auswirkungen auf die Arbeit der Christen. Die Mitarbeiter des Baptistenbundes und ihre Familien hätten die Ereignisse zwar unbeschadet überstanden, die Ungewissheit hinsichtlich der kommenden Monate belaste sie jedoch. Außerdem sei die Nachfrage nach emotionaler Unterstützung und seelsorgerlichem Beistand in den Gemeinden gestiegen.

Friedensbewegung fordert klare Verurteilung der Aktion

Es gibt jedoch auch Kritik am Vorgehen Donald Trumps. So verurteilte die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF/Bonn) gemäß einer Mitteilung „den völkerrechtswidrigen Angriff der USA auf Venezuela“ und die Festnahme von Maduro scharf. Zugleich fordert der Dachverband der Friedensbewegung die Bundesregierung und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf, den Angriff uneingeschränkt als Völkerrechtsbruch zu benennen. AGDF-Geschäftsführer Jan Gildemeister betonte, dass ein Schweigen zur Intervention oder eine Relativierung die Glaubwürdigkeit deutscher Politik und kirchlicher Äußerungen weiter schwäche. Dies trage dazu bei, dass das Völkerrecht und Institutionen wie die Vereinten Nationen an Relevanz verlören. Nach Ansicht der AGDF geht es den USA bei ihrer Intervention nicht darum, der venezolanischen Bevölkerung demokratische Wahlen zu ermöglichen. Vielmehr sei das Ziel der Regierung von Trump, die Interessen von US-Ölkonzernen durchzusetzen und eine willfährige Regierung in dem Land zu installieren. Gildemeister bekundete zudem sein Erstaunen darüber, dass es bislang keine kritische Stellungnahme der EKD zum Vorgehen der US-Regierung gebe. In der im November 2025 veröffentlichten EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ werde schließlich die Geltung des Völkerrechts ausdrücklich betont. Wenn die EKD den völkerrechtswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine als Ursache für die weltweite Unordnung benenne, dürfe sie nun beim Angriff auf Venezuela nicht schweigen, wenn sie glaubwürdig bleiben wolle.

Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung: Völkerrecht wird mit Füßen getreten

Ähnlich äußerte sich die Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung (Wiesbaden) in einer Stellungnahme: „Die Vorgänge in und um Venezuela, das Eingreifen des US-amerikanischen Militärs mit bis zu 100 toten Soldaten und Zivilisten, die Entführung des venezolanischen Präsidenten und seiner Gattin und die Dreistigkeit, mit der dies der Weltöffentlichkeit präsentiert wird“, mache fassungslos. Dadurch werde das Völkerrecht gebrochen und mit Füßen getreten. „An seine Stelle tritt das Recht des Stärkeren.“