21.08.2020

Weißrussland: "Vertrauenskrise überwinden"

Pastorenappell in Weißrussland (Belarus) Forderungen: Gewalt stoppen, Demonstranten freilassen, Wahl überprüfen

Minsk (idea) – In einem Appell an das weißrussische Volk haben 32 evangelische Geistliche des Landes dazu aufgerufen, die Vertrauenskrise in der Gesellschaft zu überwinden und gewaltlos die Zukunft des Landes zu gestalten. Bei der am 9. August beendeten Präsidentschaftswahl hatte der seit 1994 regierende Herrscher Alexander Lukaschenko nach offiziellen Angaben rund 80 Prozent der Stimmen erhalten. Doch an dem Ergebnis gibt es erhebliche Zweifel. Zehntausende Bürger gehen seitdem auf die Straße und werfen dem Regime Wahlfälschung vor. Sicherheitskräfte reagierten mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten. Die Pastoren erwähnen den Namen von Lukaschenko in ihrem Dokument nicht. Es wurde am 19. August im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlicht.

Bei Neuwahlen Beobachter und Medienvertreter zulassen

Unter anderem appellieren die Pastoren an die „mit der Macht betrauten Personen“, die Gewalt gegen Zivilisten zu stoppen, die bei Demonstrationen verhafteten und auch gefolterten Personen freizulassen, das Wahlergebnis zu überprüfen und Neuwahlen zu ermöglichen. Dabei müssten alternative Kandidaten zugelassen werden. Zugleich sollten unabhängige Beobachter und Medienvertreter ohne Einschränkungen bei der Stimmabgabe und Auszählung Zugang erhalten.

Schuldige bestrafen, aber auch barmherzig sein

Immer wieder beziehen sich die Geistlichen auf Bibelstellen, um ihre Argumentation zu untermauern. So heißt es etwa: „Wer seine Macht missbraucht, setzt sich der Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen aus (Sprüche 21,7) und schadet seiner eigenen Seele (Psalm 10,5).“ Sollte sich beweisen lassen, dass das Wahlergebnis gefälscht wurde, müssten die Verantwortlichen bestraft werden. Zugleich sollte die Gesellschaft barmherzig mit diesen Menschen umgehen. Weiter heißt es: „Wut und Empörung sind eine natürliche Reaktion auf Gesetzlosigkeit und Gewalt.“ Allerdings dürfe man Hass, Gewalt und Rache nicht zulassen, sonst schädige man die eigene Seele. Zugleich werde es schwieriger, „Frieden und Einheit in unserem Volk wiederherzustellen“. Erster Unterzeichner des Appells ist der Baptistenpastor Dmitry Lazuta von der Gemeinde „Licht der Wahrheit“ in Minsk. Wie er sind 17 weitere Unterzeichner in der Hauptstadt tätig. Die übrigen Pastoren stammen aus verschiedenen Regionen im Land. Rund 80 Prozent der 9,5 Millionen Einwohner von Belarus sind orthodox und sieben Prozent römisch-katholisch. Ferner gibt es protestantische, muslimische und jüdische Minderheiten. Zur Union der Evangeliumschristen-Baptisten des Landes gehören 282 Gemeinden mit über 12.500 Mitgliedern.