22.10.2020

Nigeria: Armut und Empörung treiben junge Menschen auf die Straße

Lagos (Fides) - Es ist vor allem auch die Armut, die die Nigerianer zum Protest drängt, nicht nur zur Empörung über die Gewalt der Polizei. Junge Menschen, die sich vom Elend erdrückt fühlen und von der Arbeitslosigkeit frustirert sind, gehen auf die Straße, um zu protestieren und Wirtschaftsreformen zu fordern. So lautet die Analyse von Pater Mark Ezeh, OFM Cap, einem nigerianischen Kapuzinermönch.
“Nigeria”, stellt er fest, “ist ein sehr reiches Land. Wir haben Ackerland, Bodenschätze, eine junge und unternehmungslustige Bevölkerung. Leider gelingt es der Politik nicht mit diesen immensen Reichtum richtig umzugehen. Und vor allem, ihn für das Gemeinwohl zu nutzen. Armut ist also weit verbreitet und das spüren die Menschen am eigenen Leib“.
Nigeria ist eine Land voller Widersprüche. Obwohl es einer der Länder mit dem weltweit größten Erdölförderländern ist, hat es nur vier (oft schlecht funktionierende) Raffinerien und ist gezwungen, Benzin zu importieren. In vielen Teilen des Landes wird der Strom nicht regelmäßig geliefert. Das Gesundheitssystem ist mangelhaft. "Wenn sie krank werden", fährt Pater Marc fort, “lassen sich wohlhabende Menschen im Ausland behandeln. Die Armen sind gezwungen, ohne Versorgung und und Medikamente zu Hause zu bleiben”. Korruption ist weit verbreitet: Nigeria belegt den 146. Platz (von 198) in der von der NGO Transparency International erstellten Rangliste der Korruption. Junge Menschen mit einem Schul- oder Studienabschluss finden keine Arbeit.
“Angesichts dieser Situation”, so der Ordensmann, „gehen die Menschen nun auf die Straße. Seit zwei Wochen kochen die Städte über. Die Regierung reagierte, indem sie die Polizei und die Streitkräfte auf die Straße schickte. Mehrere Opfer wurden bei den Zusammenstößen in Lagos, der Handelshauptstadt des Landes, bereits registriert. Aus diesem Grund hat auch der Protest gegen die Polizei zugenommen.“
Die Proteste wenden sich insbesondere gegen die Sondereinheit “Special Anti-Robbery Squad (SARS)”, die gegen gewalttätige Raubüberfälle vorgehen sollte, aber stattdessen für kriminelles Vorgehen gegen dieselbe Bevölkerung verantwortlich war (vgl.AKREF 13/10/2020). Die Regierung beschloss, die SARS aufzulösen, doch am 13. Oktober kündigte der Polizeichef in Nigeria die Bildung einer neuen Polizeieinheit an, der “Special Weapons and Tactics (SWAT)”, die die Aufgaben der aufgelöste SARS übernehmen sollte. Nach Angaben der Bevölkerung handelt es sich jedoch nur um eine "Umbenennung" der alten Sondereinheit.
In vielen Bundesstaaten wurde inzwischen eine Ausgangssperre verhängt. "Die Demonstrationen”, schließt der Kapuzinermönch, “verliefen von Anfang an friedlich. Die Leute gingen auf die Straße, nur um ihre Unzufriedenheit zu zeigen. Erst die Reaktion der Polizei und der Strafverfolgungsbeamten führte zu Gewalt. Jetzt sind die Demonstranten verängstigt, aber nicht eingeschüchtert. Das Ausgehverbot betrifft sie nicht. Sie schlafen auf der Straße. Sie demonstrieren weiter und niemand kann sie aufhalten. Nicht nur für das Militär und die Polizei sind dringend umfassende Reformen notwendig, sondern auch in der Wirtschaft. Die Leute können und wollen den gegenwärtigen Zustand nicht mehr ertragen."
(EG) (Fides 22/10/2020)