24.04.2021

Russland: Führende protestantische Hochschulen verlieren ihre Zulassung als Institutionen des höheren Bildungswesens

F18/AKREF-A/24.04.2021 - Am 6. April, zwei Tage nachdem die Evangelisch-Lutherische Kirche des Ingermanlandes (Ingria) mit Hauptsitz in Sankt Petersburg das Osterfest begangen hatte, wurde ihrem theologisches Institut die Zulassung als Institution des höheren Bildungswesens entzogen. Das theologische Seminar einer anderen lutherischen Kirche, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland bekämpft den Entzug der Zulassung für das höhere Bildungswesen über Schiedsgerichte. Bereits 2020 hatte das staatliche Bildungsinspektorat Rosobrnadzor beiden Hochschulen untersagt, Studenten für Diplomstudiengänge aufzunehmen und deren Zulassungen suspendiert. Zwei weiteren wesentlichen Bildungsinstitutionen der russischen Protestanten, die wichtigsten Hochschulen des Baptistenbundes und des Bundes der Pfingstgemeinden hatten ebenfalls durch Verbote der Aufnahme von Studenten und Suspendierungen und Annullierungen ihrer Zulassungen als Institutionen des höheren Bildungswesens zu leiden. Dem Eurasischen Theologischen Seminar des Bundes der Pfingstgemeinden wurde ab Juni 2018 die Aufnahme von Studenten für zertifizierte Kurse untersagt. Das theologische Seminar des Baptistenbundes in Moskau teilte dieses Schicksal ab Februar 2019, das theologische Institut der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Ingermanland ab Oktober 2019 und das Theologische Seminar der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Russland ab Dezember 2019. Bisher hat Forum 18 keine Kenntnis von Versuchen erlangt, höheren Bildungsanstalten anderer Religionsgemeinschaften die Zulassung zu entziehen.

Die Suspendierungen und der Entzug der Zulassungen gehen auf Routineüberprüfungen von Rosobrnadzor zurück, bei denen die Inspektoren von den religiösen Bildungseinrichtungen erwarten, die Bildungsstandards der Föderation einzuhalten, wozu sie nicht verpflichtet sind.

Die Entscheidungen der Inspektoren von Rosobrnadzor vor Gericht anzufechten kostet Zeit und Geld, das die Institutionen viel lieber der Ausbildung ihrer Studenten widmen würden. Mindestens zwei Institutionen, dem theologischen Seminar des Baptistenbundes in Moskau und dem Eurasischen Theologischen Seminar ist es gelungen, neue Zulassungen zu erwirken, allerdings für ein niedrigeres Bildungsniveau. Die Evangelisch-Lutherische Kirche des Ingermanlandes wird möglicherweise denselben Weg einschlagen müssen, wenn es ihr nicht gelingt, eine neue Zulassung für das höhere Bildungswesen zu erwirken. Das bringt zwar nach Auffassung der betroffenen Institutionen keinen Nachteil bezüglich ihres Studienangebots an die Studenten, doch dieser Status für das niedrigere Bildungsniveau wird diese Institutionen möglicherweise daran hindern, Klerikern mit ausländischen Studienabschlüssen eine Zusatzausbildung anzubieten, die nach den geänderten Bestimmungen des Religionsgesetzes, die am 3.  Oktober in Kraft treten, erforderlich sein wird. Es ist unklar, wie oder wo das Personal einer Religionsgemeinschaft, die über keine Bildungseinrichtung in Russland verfügt, diese Zusatzausbildung absolvieren  soll.

Religiöse Bildungseinrichtungen sind nicht verpflichtet, die staatliche Akkreditierung anzustreben. Viele von ihnen, darunter die wesentlichsten Seminare des Baptistenbundes, des Bundes der Pfingstgemeinden, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Ingermanland und der römisch-katholischen Kirche, sowie einige islamische Hochschulen funktionieren bereits seit Jahren ohne Akkreditierung.  Religiöse Institutionen, die sich dafür entschieden haben, keine staatlich akkreditierten Lehr- bzw. Studiengänge anzubieten, müssen sich lediglich nach ihren eigenen internen Anforderungen richten. Der Oberste Gerichtshof der Russischen Föderation hat 2008 entschieden, dass eine staatliche Zulassung für Bildungsaktivitäten nur dann erforderlich ist, wenn damit die Bescheinigung verbunden ist, dass die Absolventen das vom Staat vorgeschriebene Bildungsniveau erlangt haben. Allerdings verlangen viele religiöse Organisationen für die Ordinierung als Kleriker oder für eine Lehrtätigkeit  einen staatlich anerkannten Studienabschluss. 

Quelle: Forum 18, Oslo (Meldung vom 16. April 2021)

Deutsche Fassung: Arbeitskreis Religionsfreiheit der ÖEA