02.04.2012
Saudi Arabien: "Nehmt die Christenverfolgung ernst!"
(idea)ein Kommentar von Dr. Alexander Kissler (München), Sachbuchautor und Kulturjournalist.
Saudi Arabien: "Nehmt die Christenverfolgung ernst!"
(idea)ein Kommentar von Dr. Alexander Kissler (München), Sachbuchautor und Kulturjournalist.
Der höchste islamische Rechtsexperte in Saudi-Arabien hat dazu aufgefordert, alle Kirchen auf der großen Arabischen Halbinsel zu zerstören – nur der Islam sei dort erlaubt. Inzwischen werden Christen weltweit am stärksten verfolgt. Doch nur wenige westliche Politiker erheben ihre Stimme – denn wirtschaftliche Interessen zählen meist mehr als die religiöse Freiheit.
Nein, es war nicht der Patriarch von Moskau oder der Kirchenpräsident von Hessen-Nassau oder gar der Bischof von Rom, der zum Abriss von Moscheen aufgerufen hätte. Auch hat kein Oberrabbiner oder Talmud-Gelehrter dergleichen gefährlichen Blödsinn geredet. Wohl aber forderte der saudi-arabische Großmufti (also der oberste islamische Rechtsgelehrte), Scheich Abdulasis bin Abdullah, nach übereinstimmenden Berichten arabischer Medien, alle Kirchen der Region dem Erdboden gleich zu machen: Auf der arabischen Halbinsel dürfe es nur den Islam geben. Der Prophet Mohammed habe es in einer „Hadith“ (einer Anweisung, die nicht im Koran enthalten ist) so verfügt.
80 % aller religiös Verfolgten sind Christen
Ich weiß nicht, ob es diese Hadith in dieser Form gibt. Er wird wissen, wovon er redet. Auch fehlen mir die Kenntnisse, um das Wort auf seine innere Stimmigkeit abzuklopfen. Ich weiß aber, dass das 21. Jahrhundert im Zeichen wachsender Christenverfolgung steht. Die Fatwa aus Saudi-Arabien passt ins trübe, ja beängstigende Bild. Laut der katholischen Hilfsorganisation „Kirche in Not“ sind weltweit 80 % aller religiös Verfolgten Christen. Geschätzte 100.000 Christen verlieren deshalb jährlich ihr Leben – das heißt: Alle fünf Minuten stirbt ein Mensch, weil er Christ ist!
Im Gefängnis – weil er den Propheten kritisierte
Laut der Hilfsaktion Märtyrerkirche werden rund 200 Millionen Christen weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt. An der Spitze der Staaten, die am stärksten Christen verfolgen, steht seit zehn Jahren unangefochten Nordkorea. Auf den Plätzen 2 bis 10 folgen ausnahmslos islamisch geprägte Länder: Afghanistan, Saudi-Arabien, Somalia, Iran, Malediven, Usbekistan, Jemen, Irak und Pakistan. Von den insgesamt 50 im Index von „Open Doors“ angeführten Christenverfolger-Staaten haben 38 eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Und wie es aussieht, trägt auch der „arabische Frühling“ nicht dazu bei, diese erschütternde Bilanz zu verbessern. In Ägypten etwa wurde ein koptischer Christ kürzlich in einem fragwürdigen Prozess zu 6 Jahren Haft wegen „Beleidigung des Propheten“ verurteilt. Er soll sich kritisch zum Eheleben des Propheten Mohammed geäußert haben.
Islam und Religionsfreiheit passen nicht zusammen
Leider müssen wir daher festhalten: Im Schatten einer muslimischen Mehrheit gedeiht keine Religionsfreiheit. Ob die Aufforderung des (katholischen) Erzbischofs Robert Zollitsch (Freiburg), die religiösen Führer in der muslimischen Welt mögen den Aufruf des Großmuftis zurückweisen, auf fruchtbaren Boden fallen wird? Darauf wetten sollte man nicht.
85 % aller Hassdelikte in Europa gegen Christen
In den ehemals oder noch immer christlich geprägten Ländern des Westens verhält es sich anders. Der Fischer und Zimmermann Jesus Christus hinterließ eine andere Lehre als der Prediger, Prophet und Krieger Mohammed. Auch darum zählt die Religionsfreiheit zum Kernbestand jeder liberalen Zivilgesellschaft. Doch die Tradition wird brüchig. Das in Wien beheimatete „Dokumentationsarchiv der Intoleranz gegen Christen“ schreibt im Jahresbericht für 2011, in Europa seien 85 % aller Hassdelikte gegen Christen gerichtet. Der ehemalige EU-Kommissar Lord Chris Patten hält es für „bemerkenswert, wie intolerant sich die Atheisten gegenüber Gläubigen verhalten“. Die Christophobie schreitet auch auf unseren Pfaden voran.
In Frankreich richten sich 84 % des Vandalismus gegen Christen
Gewiss sind wir (noch) weit davon entfernt, dass Hassreden wie jene des saudischen Großmuftis in Europa salonfähig werden. Um sein Leben muss hier (noch) kein Christ bangen. Besorgniserregend ist aber die Neigung zur Beschädigung oder Zerstörung von Kirchen und christlichen Einrichtungen. In Frankreich, resümiert das „Dokumentationsarchiv“, richteten sich 84 % aller Akte von Vandalismus gegen christliche Gebetsstätten; in Schottland wurden 95 % aller antireligiös motivierten Gewalttaten gegen Christen verübt. Das Wiener Archiv listet 180 Verstöße gegen die Religionsfreiheit auf – unter anderem durch „diskriminierende Gleichstellungspolitik, Ausgrenzung von Christen aus dem sozialen und politischen Leben, Repressalien gegen christliche Symbole, Diffamierung, negative Stereotypisierung“.
Mit Leidenschaft für Freiheit einsetzen
Was folgt aus dieser doppelten Gefährdung? Mehr, viel mehr Realismus tut Not im Umgang mit den Religionen wie mit den Religionsverächtern – und mehr, viel mehr Leidenschaft ist gefragt für die Freiheit und vor allem für deren Königsdisziplin: die Religionsfreiheit. Ein echter Dialog kann nur stattfinden im Klima wechselseitiger Wertschätzung – sonst bleibt er eine Alibi-Veranstaltung, der die Sinne benebelt und die Wirklichkeit entstellt. Religion ist eben immer auch eine öffentliche Angelegenheit. Eine zivile Gesellschaft darf den Glauben (oder Unglauben!) ihrer Bürger nicht ins stille Kämmerlein verbannen. Christen, Juden, Moslems, Buddhisten, Atheisten, Agnostiker – sie alle müssen dasselbe unteilbare Recht haben, sich zu ihrer jeweiligen Weltanschauung friedlich zu bekennen. Nur so leisten sie der Freiheit einen Dienst – auf der ganzen Welt.
Blicke ich auf die 38 islamischen Staaten, die der „Verfolgungsindex“ aufzählt, weiß ich nicht, was schlimmer ist: die aggressive Intoleranz dort – oder aber die organisierte Ignoranz (westlicher Politiker) hier, denen wirtschaftliche Interessen und geopolitische Macht wichtiger sind als Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit. Manchmal schäme ich mich einfach für die Welt, in der wir leben.