21.04.2012
Türkei: Mangel an Religionsfreiheit nimmt weiter zu
Istanbul, 9. April (CDN) – In der Türkei dauert die feindliche Einstellung zu den Christen schon so lange an, dass ein amerikanischer Monitor für Religionsfreiheit die Türkei als „country of particular concern“ (besonders besorgniserregendes Land) bezeichnet, und Pastor Orhan Picaklar hat die Feindschaft gegenüber Christen aus erster Hand erfahren.
Picaklar von der Agape-Kirche in Samsun, lebt am Schwarzen Meer, wo sich die Hochburg des eindeutig vom Islam durchdrungenen türkischen Nationalismus befindet, wo die Christen unter zunehmendem Druck leben müssen. Sein Gebäude wurde angegriffen und seine Familie und die Gemeinde bedroht.
„Es ist überall auf der Welt schwer, wenn man zu Jesus gehört, leider ist es in Samsun genauso, wenn nicht sogar noch schlimmer“, sagte Picaklar. „Wir sind seit 10 Jahren hier und die Menschen behandeln uns immer noch wie verabscheuungswürdige Feinde. Unsere Familie lebt unter Hochspannung. Jede Stunde ruft mich meine Frau an und ich muss sagen „Es gibt keine Probleme“ – das ist etwa so, als würde ich sagen „ich lebe noch“.
Picaklars Sohn hat im vergangenen September über Facebook Morddrohungen erhalten. Ein Mann Anfang zwanzig verursachte vergangenen Monat Schaden am Kirchengebäude - der bisher neueste Angriff in einer Reihe von Angriffen - der die Gemeinde dazu gebracht hat, gerichtlich vorzugehen, obwohl sie sich lange Zeit geweigert hat, dies zu tun.
Am 4. März zitierte die Polizei Picaklar mitten in der Nacht auf die Polizeiwache, um ihm mitzuteilen, dass ein junger Mann die Nachbarn in der Nähe des Kirchengebäudes gestört hätte. Die Nachbarn hörten, wie der Verdächtige, Eren Cilce, unter anderen Drohungen, ausrief: „Ihr korrupten, perversen Christen, wir werden diese Kirche auf eure Köpfe stürzen lassen; macht, dass ihr wegkommt“, sagte Picaklar.
Die Kirche hatte Gäste untergebracht, die aus Rumänien gekommen waren, sagte er. Besucher, besonders Ausländer, ziehen unerwünschte Aufmerksamkeit von örtlichen nationalistischen Gruppen auf sich, fügte er hinzu. (AKREF berichtete)
Die Drohungen des Angreifers sind nichts Neues. Im Juni brach ein Mann in das Kirchengebäude ein und malte Drohungen auf die Wand. Als die Behörden den Täter festnahmen, bat er Picaklar um Vergebung. Die Kirche sah von einer Anklage ab.
Obwohl die Gemeinde von Picaklar bisher niemanden wegen der bisherigen Hass -Verbrechen angezeigt hat, hat sie vorigen Monat beschlossen, formell Beschwerde einzulegen.
„Wir vergeben immer, aber da die Drohungen weitergehen und uns keine Schuld trifft, haben wir als Gemeinde zum ersten Mal beschlossen, vor Gericht zu gehen“, sagte er.
Eine Gerichtsverhandlung wird wahrscheinlich im Mai stattfinden und Picaklar sagte, dass er damit rechne, dass der Schuldige eine Strafe zahlen muss. Die Polizei teilte ihm mit, dass Cilce betrunken war und Picaklar sagte, er hoffe, das Gericht werde den Fall aufgrund dessen nicht abweisen. Die Gemeinde hat keinen Rechtsanwalt.
Von den 50 Mitgliedern seiner Kirche haben nur ein Duzend den mutigen Schritt getan und ihren Religionswechsel von „Muslim“ zu „Christ“ auf ihren Ausweiskarten eintragen lassen oder den Eintrag der Religionszugehörigkeit wenigstens frei gelassen.
Viele Türken sehen Christen als korrupte Elemente des Westens an, die die Integrität der Türkei und des Islam untergraben wollen; diese Meinung wird bis zu einem gewissen Grad in den Medien, der Literatur und in den Schulbüchern verbreitet. Obwohl Türken der Verfassung nach ihren Glauben anderen mitteilen dürfen, hat das Wort „Missionar“ negative Bedeutung, einschließlich der irrigen Auffassung, Missionare würden die türkische Souveränität untergraben wollen. In den vergangenen Jahren hat eine Serie von Ermordungen von Christen in der Türkei die tief verwurzelten Vorurteile gegen Christen deutlich werden lassen.
COUNTRY OF PARTICULAR CONCERN – besonders besorgniserregendes Land
Solche Übergriffe sind ein Grund dafür, dass die US-amerikanische Kommission für Internationale Religionsfreiheit (USCIRF) im vergangenen Monat empfohlen hat, die Türkei auf die Liste der besorgniserregenden Länder („Country of Particular Concern“, CPC) zu setzen, auf der bereits der Iran, Saudi Arabien und der Sudan wegen Verletzungen der Religionsfreiheit stehen.
Der Bericht gab an, dass die Regierung „systematische, ungeheuerliche Beschränkungen“ der Religionsfreiheit begeht und dass die Türkei „im Namen des Säkularismus religiösen Gemeinschaften seit langem bedrückende Bestimmungen auferlegt hat und ihnen die vollen Rechte verweigert, womit sie das Recht auf Religionsfreiheit aller religiösen Gemeinschaften verletzt“.
Beschränkungen, die nicht-muslimischen Gemeinschaften das Recht verweigern, ihre Geistlichen auszubilden, Religionsunterricht anzubieten und Gotteshäuser zu besitzen und instand zu halten, haben zu einer Abnahme oder zum vollständigen Verschwinden religiöser Gemeinschaften geführt, so heißt es in dem Report. Die Mitgliederzahl der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft in der Türkei ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts von mehreren -zigtausend auf etwa 2.500 geschrumpft.
Der Report bezeichnete einige der positiven Schritte, die von der Regierung auf dem Gebiet von Eigentum, Bildung und religiöser Kleidung gemacht wurden, als „ad hoc“, was nicht zu systematischen konstitutionellen und gesetzlichen Veränderungen geführt hat.
Die religiösen Einschränkungen in der Türkei haben im vergangenen Jahr nicht zugenommen, aber der Report sagt aus, dass die fortwährende rechtliche Diskriminierung nicht-muslimischer Gruppen ein gefährlicher Trend sei.
Sprecher der türkischen Regierung bezeichneten die Empfehlungen der USCIRF an das US-amerikanische Außenministerium als „null und nichtig“. Das türkische Parlament ist damit befasst, eine neue Verfassung zu entwerfen und ein Sonderkomitee des Parlaments hat sich mit Angehörigen der türkischen nicht-muslimischen Gemeinschaften getroffen, um herauszufinden, auf welche Weise die neue Verfassung ihre Gemeinschaften besser vertreten könnte.
Ein Spezialist für Religionsfreiheit in der Türkei, Mine Yildirim von der ABO Akademie in Finnland berichtet Compass, dass die Darstellung der Religionsfreiheit in der Türkei durch USCIRF korrekt ist, aber dass das Land es nicht verdiene, als CPC bezeichnet zu werden.
„Ich denke, es war eine unfaire Bescheinigung und obwohl dadurch der Türkei eine eindeutige Botschaft gegeben werden sollte, wurde nichts erreicht, denn das Ministerium erklärte dies als null und nichtig und nimmt darauf überhaupt keine Rücksicht“ sagte Yildirim, ein türkischer Christ.
Yildirim bestätigt, dass die Verletzungen der Religionsfreiheit gegen Protestanten 2011 zugenommen haben und bemerkte, dass mit wenigen Ausnahmen sie immer noch keine Gotteshäuser bauen dürfen. Die meisten türkischen Kirchen arbeiten als bürgerliche Vereinigungen und können sich daher in Gebäuden versammeln.
Malatya, fünf Jahre danach
Fünf Jahre nach der Ermordung der türkischen Christen Necati Aydin, Ugur Yuksel und des deutschen Christian Tilmann Geske in Malatya ist noch immer kein Urteil gesprochen worden wegen der langsam arbeitenden türkischen Justiz noch immer niemand verurteilt worden. Dies hat auch gerade nicht zum Image der türkischen Religionsfreiheit beigetragen.
Der „Dritte Kriminal-Gerichtshof“ von Malatya macht einigen Fortschritt, indem er etwas Licht in die zwielichtig Gruppe bringt, die angeblich hinter den Ermordungen steht, sagten Experten, aber der Prozess ist extrem langsam.
Eine neue Anklageschrift, die vergangenen Monat gegen die angeblichen „Drahtzieher“ der Ermordungen fällig war, ist immer noch nicht fertig, sagen die Anwälte der Kläger, was die Hoffnungen auf Fortschritt bei den Verhandlungen nächste Woche zunichte macht.
„Es wird gar nichts geschehen“ sagte der Anwalt der Kläger, Erdal Dogan, vor der heutigen Gerichtsverhandlung. „Wir warten immer noch auf eine neue Anklage.“
Das Gericht beschloss, die Verhandlungen auf den 18. Juni zu verlegen.
Es wird angenommen, dass die Ermordungen vom April 2007 Teil einer Verschwörung seien, um die gegenwärtige pro-islamische Regierung umzustürzen.
Die Staatsanwälte und Mitglieder der örtlichen protestantischen Gemeinschaft hoffen immer noch, dass die neue Anklageschrift, die vor der Verhandlung am 18. Juni fällig ist, ein Schritt nach vorn sein wird, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
„Ich glaube, die Anklageschrift wird viele Einzelheiten aufdecken, die uns nicht bekannt sind“ sagte Umut Sahin, der Koordinator des Rechtskomitees der Vereinigung der türkischen protestantischen Kirchen (TEK), berichtet Compass. „Ich denke, wir werden staunen.“
Sahin sagte, er glaube, die Verzögerung der neuen Anklage sei auf deren Vielschichtigkeit und Länge zurückzuführen, nicht auf den Mangel an Bereitschaft, den Fall voran zu bringen.
Seit 2008 gab es keine weiteren blutigen Attacken auf Protestanten mehr, aber nach TEK haben seit 2011 Hassverbrechen gegen die 4.500 Mitglieder der Vereinigung stark zugenommen.
Yildirim, Forscher an der AB Akademie, bemerkte zu dem langsamen Vorankommen des Malatya-Prozesses, dass es teilweise an der Justiz und an den türkischen „Problemen mit Gesetz ung Ordnung“ zu tun habe, aber dass die kommende neue Anklage ein positiver Schritt sein würde.
„Für Malatya – wenn man von dem langsamen Arbeitstempo absieht – wird jetzt endlich eine neue Anklage vorbereitet, um die Anstifter zu finden“, sagte sie. „Dies ist ein positiver Effekt. Es geht nicht darum, was wir von der Justiz erwarten, denn selbst wenn es langsam geht, ist dies ein positives Ergebnis des Prozesses.“
Quelle: By Compass Direct News
28.2.2012; 21.3.2012; 9.4.2012 und 21.4.2012 ( in Auszügen)