22.04.2012

Afghanistan: Hilfswerk Shelter Now: "Afghanistan ist anders"

Projektkoordinator: Das Land macht große Fortschritte

Afghanistan: Hilfswerk Shelter Now: "Afghanistan ist anders"

Projektkoordinator: Das Land macht große Fortschritte

 

Kabul (idea) – Afghanistan ist anders als das Bild, das die Nachrichten zeichnen. Seit dem Ende des radikal-islamischen Taliban-Regimes vor etwas mehr als zehn Jahren hat das Land am Hindukusch „erstaunliche“ Fortschritte gemacht. Das teilte der internationale Leiter des christlichen Hilfswerks „Shelter Now“ (Zuflucht Jetzt), Georg Taubmann (Kabul), der Evangelischen Nachrichtenagentur idea auf Anfrage mit. In Afghanistan koordiniert er die Aufbauprojekte. Im Jahr 2001 war er mit 16 einheimischen und sieben ausländischen Mitarbeitern Gefangener der Taliban. Nach 105 Tagen wurden die Geiseln von Aufständischen befreit. Taubmann kehrte sechs Monate später nach Afghanistan zurück. Im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren seien heute Fortschritte auf vielen Gebieten zu sehen, sagte er jetzt. Wirtschaftlich gehe es aufwärts, die Infrastruktur werde ausgebaut, die medizinische Versorgung habe sich stark verbessert, die meisten Kinder in den Städten gingen zur Schule, die Behörden seien gut organisiert und mit kompetenten Mitarbeitern ausgestattet, auch wenn es noch Korruption gebe.

Truppen schrittweise abziehen

Die blutigen Anschläge der Taliban wie bei ihrer „Frühjahrsoffensive“, die Mitte April allein in Kabul 47 Todesopfer forderte, versetzen laut Taubmann die Bevölkerung in Angst. Er war mit seiner Frau während der Kämpfe in Kabul. Jetzt breite sich Unsicherheit aus, dass die Schreckensherrschaft zurückkehren könnte. Auch Vorkommnisse wie die Koranverbrennungen durch US-Soldaten trügen zur Verunsicherung bei und gefährdeten die Weiterentwicklung des Landes. Im Blick auf den bis 2014 vorgesehen Abzug der rund 130.000 ausländischen Soldaten sprach sich Taubmann für ein schrittweises Vorgehen aus. Die Truppen sollten sich erst dann aus Regionen zurückziehen, wenn dort afghanisches Militär und Polizei in der Lage sei, die Sicherheit der Zivilbevölkerung zu gewährleisten. Die Bundeswehr habe sich als Stabilitätsfaktor erwiesen, sagte Taubmann. Zum Auftrag der internationalen Truppen gehöre es auch, ethnische, kulturelle und religiöse Minderheiten zu schützen. In Afghanistan ist der Islam Staatsreligion. Über 99 Prozent der 29 Millionen Einwohner sind Muslime. Die Zahl der einheimischen Christen wird auf 200 bis 300 geschätzt. Sie müssen sich im Untergrund treffen und sich nicht als Minderheit anerkannt und geschützt. Hinzu kommen einige Hundert ausländische Christen. Seit 2009 gibt es in Afghanistan keine öffentlich zugängliche Kirche mehr.

Shelter Now ist seit 24 Jahren in Afghanistan

Shelter Now hat seine Arbeit unter Afghanen 1983 in Flüchtlingslagern in Pakistan begonnen und war dort bis 2004 unter Flüchtlingen tätig. Seit 1988 ist das Werk in Afghanistan engagiert und seit 1992 von den wechselnden Regierungen registriert. Das Hilfswerk baute zunächst mehrere Betonfabriken, in denen vor allem Material zum Wiederaufbau von Wohnhäusern hergestellt wird. Für zurückgekehrte Flüchtlinge wurden „Dörfer der Hoffnung“ errichtet, ebenso mehrere Schulen, auch für Mädchen. In Kabul wurde eine zerstörte Augenklinik zusammen mit Partnern aufgebaut. Dort hat die Organisation auch ein Zentrum für Gehörlose, in dem Kinder und Erwachsene unterrichtet und für einen Beruf ausgebildet werden. In Nord-Afghanistan betreibt Shelter Now eine Schule für Englisch- und Computerkurse und unterhält landwirtschaftliche sowie Trinkwassergewinnungsprojekte. Die deutsche Zentrale von Shelter Now befindet sich in Braunschweig. Als Direktor amtiert Udo Stolte.