29.02.2012
Nigeria: Wie Mission und Passion zusammenhängen
Erzbischof bei AEM-Tagung: Dem Terror mit „Leidenschaft der Liebe“ begegnen
Nigeria: Wie Mission und Passion zusammenhängen
Erzbischof bei AEM-Tagung: Dem Terror mit „Leidenschaft der Liebe“ begegnen
Schwäbisch Gmünd (idea) – Was haben Mission und Passion (Leiden bzw. Leidenschaft) miteinander zu tun? Mit dieser Frage setzt sich die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM) auf ihrer Jahrestagung vom 28. Februar bis 1. März in Schwäbisch Gmünd auseinander. Hauptredner ist der anglikanische Erzbischof der Diözese Jos im westafrikanischen Nigeria, Benjamin Kwashi. Die Christen im Norden des Landes leiden unter der radikal-islamischen Terrorgruppe Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde). Ihren Anschlägen auf staatliche Einrichtungen, Kirchen und Häuser von Christen fielen seit Jahresbeginn 265 Menschen zum Opfer, so die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (Frankfurt am Main). Wie Kwashi auf der Tagung gegenüber idea sagte, herrsche unter den Christen immer wieder Angst und Unsicherheit. Manche seien geflüchtet, andere hätten ihren Glauben aufgegeben oder wollten Rache üben. Solche Reaktionen lehnt der Erzbischof ab. Er sieht in der Terrorwelle „eine große Chance, um das wahre und starke Evangelium weiterzugeben. Wir können zeigen, dass wir echte Jünger Jesu sind. Auf die Angriffe wollen wir mit einer Leidenschaft der Liebe antworten, die im Gebet verwurzelt ist.“ Kwashi bezeichnet die Boko-Haram-Kämpfer als „Kriminelle“, die auch Muslime töteten. Sie hätten deshalb in der muslimischen Bevölkerung nur wenig Rückhalt. Die Terroristen seien zwar stark genug, um die Zentralregierung zu destabilisieren, aber nicht in der Lage, einen Bürgerkrieg anzuzetteln.
„Wunder Gottes“: Angreifer nach Gebet verschwunden
Auch Kwashi selbst und seine Familie sind gefährdet. 2006 wurde seine Ehefrau bei einem Überfall schwer verletzt. Im Jahr darauf wollte eine Gruppe von 30 Angreifern den Erzbischof in seinem Haus töten. Die Eindringlinge erfüllten ihm die Bitte um ein letztes Gebet. Kurz darauf waren sie verschwunden. Der 56-Jährige sieht darin ein „Wunder Gottes“. Seine Erklärung für die Bewahrung: „Meine Zeit ist noch nicht abgelaufen.“ Nach der Genesung hatte die Ehefrau des Erzbischofs entschieden, ihr Haus zu einer Heimat für Waisenkinder zu machen. Inzwischen leben dort 53 Jungen und Mädchen. Nach seiner Schätzung besuchen in Nigeria zwischen 15 und 17 Millionen Menschen anglikanische Gottesdienste. In seinem Bereich seien in den vergangenen 20 Jahren trotz Verfolgung rund 300 neue Gemeinden gegründet worden. Nach Angaben von Religionsstatistikern sind 51,3 Prozent der 158 Millionen Einwohner Nigerias Christen. Muslime stellen 45,1 Prozent der Bevölkerung. Hinzu kommen Anhänger von Naturreligionen.
„Mission kann nicht halbherzig sein“
Auf der AEM-Tagung dankte Kwashi den Christen in Deutschland dafür, dass ihre Vorfahren als erste anglikanische Missionare nach Nigeria gegangen waren. Zugleich rief er sie auf, Jesus Christus um neue Leidenschaft für Mission zu bitten: „Mission kann nicht halbherzig sein.“ Europäische Christen sollten fragen „Wo wird das Evangelium gebraucht?“ und sich dabei nicht auf die vermeintlich „sicheren Länder“ beschränken: „Wo war es sicher, als Jesus und die Apostel gegangen sind?“
Warum radikale islamische Gruppen Zulauf haben
Der Vorsitzende des Arbeitskreises Religionsfreiheit der Deutschen Evangelischen Allianz, Studienleiter Paul Murdoch (Tübingen), berichtete, dass die religiöse Radikalisierung zunehme. So sammelten sich viele junge Muslime in kämpferischen Gruppen, die ein „Zurück zu den Wurzeln“ versprächen. Sie wollten die Welt so verändern, „dass Allah die Herrschaft antritt“. Hinter der Radikalisierung stehe oft die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt mit klaren Antworten und Ordnungen. Außerdem gebe der Glaube, zu einem „Kreis der Auserwählten“ zu gehören, Halt und Stärke. Viele junge Muslime sähen „keine große Chance auf das große Glück“ im irdischen Leben und wollten so im Paradies ihren Lohn als Märtyrer empfangen. Diese Perspektive lasse sie zu Selbstmordattentätern und Kämpfern für den Dschihad (Heiliger Krieg) werden. Attraktiv an radikalen Gruppen wie der palästinensischen Hamas oder der nigerianischen Boko Haram sei auch, dass ihre Mitglieder den „Macho und Helden heraushängen können“. Allerdings gebe es religiöse Radikalisierungen nicht nur im Islam, sondern etwa auch im Hinduismus und Buddhismus. Diese Entwicklung sei ein wesentlicher Grund für die zunehmende Christenverfolgung.
Fehlt Christen das Interesse an Muslimen?
Kritische Fragen zum Verhältnis von Christen und Muslimen in der westlichen Welt stellte der an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen lehrende Alttestamentler und Islamwissenschaftler Prof. Heiko Wenzel. Persönliche Begegnungen seien eher selten. Man rede mehr übereinander als miteinander. Wenzel: „Haben wir überhaupt ein Interesse an Muslimen?“ Respekt im Umgang mit Muslimen zeige sich unter anderem darin, dass man hinhöre und ihre religiöse sowie lebenspraktische Wirklichkeit wahrnehme. Wichtig sei auch, zwischen dem religiös-politischen System „Islam“ und Muslimen zu unterscheiden. Es gebe auch nicht „den Islam“, sondern unterschiedliche Wege, dieses System zu leben. Zur Differenzierung gehöre ferner, das eigene Islambild nicht nur von Ereignissen wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bestimmen zu lassen. Wenzel fragte: „Pflegen wir ein Feindbild Islam?“