20.01.2012

Pakistan: Über die Gewalt gegen Frauen

„Schuld ist hier immer die Frau“ – Ein Beitrag von Eva-Maria Kolmann

Pakistan: Über die Gewalt gegen Frauen

„Schuld ist hier immer die Frau“

– Ein Beitrag von Eva-Maria Kolmann

Schwester Nazreen Daniels aus dem Orden der Loretoschwestern ist eine gebildete Frau. Ihre Doktorarbeit hat die gebürtige Pakistanerin in den Niederlanden geschrieben. In ihrer Heimat setzt sie sich heute in der Diözese Faisalabad für Mädchen und Frauen ein, die Opfer von Gewalt geworden sind.

„Erst kürzlich kam ein 13-jähriges Mädchen zu mir, das nach einer Vergewaltigung bereits im fünften Monat schwanger war“, erzählt Schwester Nazreen, der anzumerken ist, dass jedes Einzelschicksal ihr nahegeht. Kiden – so heißt das Mädchen – ging zum Putzen in die Häuser fremder Familien. Eines Tages wurde sie in ein Haus gerufen, um dort ihren Dienst zu tun. Einer der Söhne der Familie vergewaltigte sie. Dies passierte noch einige Male. Schließlich wurde sie schwanger.

„Erst als sie im fünften Monat war, offenbarte sie sich uns. Wir kümmerten uns um das Mädchen, brachten es zum Arzt und zu einer Psychologin“, berichtet die Ordensschwester. Als das Baby geboren wurde, erlitt die 13-jährige Mutter einen weiteren Schicksalsschlag: Ihr kleiner Sohn starb. „Was für eine Zukunft hat ein Mädchen, das vergewaltigt wurde? Vielleicht kann es noch an einen alten Mann verheiratet werden“, sagt Schwester Nazreen.

Ein anderes vergewaltigtes Mädchen, um das sie sich vor nicht langer Zeit kümmerte, war erst acht Jahre alt. In einer Gesellschaft, in der die Jungfräulichkeit eine große Rolle spielt, sind solche Mädchen am Ende, bevor sie zu leben begonnen haben. „Noch immer wird oft nach der Hochzeitsnacht das Bettlaken mit dem Blutfleck öffentlich zur Schau gestellt. Stellt sich heraus, dass die Braut nicht mehr Jungfrau war, wird sie zu ihrer Familie zurückgeschickt.“

„Vergewaltigungsopfer können keine Gerechtigkeit erwarten. Mehrere Augenzeugen sind erforderlich, um eine Vergewaltigung nachzuweisen. Aber natürlich werden solche Verbrechen nicht in der Öffentlichkeit verübt. Die Frau hat also keine Chance. Wie sollte sie beweisen, dass sie die Wahrheit sagt?“, empört sich die Ordensfrau.

Oft werden die Opfer auch mit dem Blasphemiegesetz erpresst. Ihnen wird gesagt: „Entweder du schweigst oder wir sagen, du habest den Propheten beleidigt“. Da jeder weiß, dass die Beleidigung des Islam in Pakistan mit lebenslanger Haft oder sogar mit der Todesstrafe geahndet wird, schweigen die Opfer.

Schuld ist sowieso immer die Frau. Schuld ist sie, wenn sie vergewaltigt wird; schuld ist sie auch, wenn eine Ehe kinderlos bleibt. Niemand kommt auf die Idee, dass auch der Mann unfruchtbar sein könnte. „Wird eine Frau nicht schwanger, nimmt sich der Mann eine zweite Frau. Die erste Frau wird dann im Haus wie eine Sklavin behandelt“, berichtet die Schwester. Sie kennt sogar einen Fall, in dem eine Ehefrau mit dem Vieh in den Stall gesperrt wurde. Jahrelang sprach niemand mit ihr.

Jedes Jahr werden in Pakistan außerdem fast 1000 Frauen im Namen der sogenannten „Ehre“ ermordet. Auch absichtliche Entstellungen kommen nicht selten vor. Den Frauen wird die Nase abgeschnitten oder das Gesicht mit Säure verätzt, weil sie beispielsweise eine Eheschließung abgelehnt oder sich in jemanden Unerwünschten verliebt haben. Häusliche Gewalt ist eher die Regel als die Ausnahme. Zuverlässige Zahlen darüber gibt es nicht, da sich dies hinter verschlossenen Türen abspielt.

Aber Schwester Nazreen weiß: „Die Frauen lernen von Kindheit an, dass der Mann das Recht hat, sie zu schlagen und zu misshandeln. Sie betrachten sich als Eigentum des Mannes. Gibt der Ehemann ihnen Wasser zu trinken, so trinken sie. Gibt er ihnen nichts, so leiden sie Durst. Manchmal frage ich sie: ‚Was denkt ihr?’ Sie antworten mir: ,Schwester, wir denken nicht!’“

vollständige Interview lesen sie auf: www.kirche-in-not.de/aktuelle-meldungen/2012/01-20-pakistan-schuld-ist-immer-die-frau