23.01.2012
Nigeria: Wo Christen am blutigsten verfolgt werden
Abuja (idea) – Die blutigste Christenverfolgung ereignet sich derzeit nicht im langjährigen „Verfolgerstaat Nr. 1“, dem kommunistisch regierten Nordkorea, sondern im westafrikanischen Nigeria. Dort hat die islamische Terrorgruppe Boko Haram (Westliche Bildung ist Sünde) den „Heiligen Krieg“ ausgerufen. Sie will nicht nur den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Norden des mit 158 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten afrikanischen Staates von Christen „säubern“, sondern sie am liebsten aus dem ganzen Land vertreiben.
Dazu ist den Kämpfern, die mit dem Terrornetz El Kaida in Verbindung stehen sollen, jedes noch so brutale Mittel recht. Nach dem muslimischen Freitagsgebet am 20. Januar startete Boko Haram eine neue Terrorwelle: In den Bundesstaaten Kano und Bauchi zündeten ihre Selbstmordattentäter Bomben an staatlichen Einrichtungen, Kirchen und Hütten von Christen. In Polizeiuniformen gekleidete Kämpfer schossen auf die Fliehenden. Die Zahl der Todesopfer wird auf mehr als 250 geschätzt. Schon in der Weihnachtszeit hatte Boko Haram Anschläge vornehmlich auf Christen verübt; seit dem 22. Dezember kamen mehr als 330 Menschen ums Leben. Zuvor waren zwischen Januar und November mindestens 425 Personen getötet worden.
Weltweites Entsetzen
Weltweit ist das Entsetzen groß: Von UN-Generalsekretär Ban Ki Mun bis zum deutschen Außenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilten führende Politiker die hauptsächlich religiös motivierte Welle der Gewalt. In die Proteste stimmen auch die höchsten Repräsentanten der großen deutschen Kirchen ein: der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch (Freiburg), und der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf). Er rief nicht nur die nigerianische Regierung auf, die Christen besser zu schützen – auch die Muslime müssten ihren Einfluss geltend machen und der Terrorgruppe jegliche religiöse Motivation entziehen.
Religiös gespaltenes Land
Nigeria ist nicht nur ein Vielvölkerstaat mit mehr als 520 ethnischen Gruppen, sondern auch ein religiös gespaltenes Land. Nach Angaben von Religionsstatistikern sind 51,3 Prozent der Einwohner Christen. Sie leben überwiegend im Süden Nigerias, das mehr als zweieinhalb Mal so groß ist wie Deutschland. Die Muslime, die 45,1 Prozent der Bevölkerung stellen, sind vorwiegend im Norden zu Hause. Hinzu kommen in allen Landesteilen Anhänger von Naturreligionen. Nigeria ist in 36 Bundesstaaten und ein „Bundesterritorium“ um die Hauptstadt Abuja aufgeteilt. Ein Drittel der Bundesstaaten hat das islamische Religionsgesetz, die Scharia, eingeführt. Radikale Muslime wollen den Geltungsbereich ausdehnen – Extremisten wie Boko Haram auf das ganze Land. Der innere Friede wird zudem bedroht durch Armut, Bildungsmangel und eine weitreichende Korruption in Wirtschaft und Politik. Dadurch ist auch die politische Balance gefährdet.
Muslimische Extremisten infiltrieren Staatsorgane
Zwar haben sich nach dem Ende der Militärregierung im Jahr 1999 christliche und muslimische Staatspräsidenten abgewechselt: Auf den Christen Olusegun Obasanjo (1999-2007) folgte der Muslim Umaru Yar’Adua (2007-2010), und seither ist der Christ Goodluck Jonathan Staatsoberhaupt. Doch eine wirkliche Kontrolle über die Staatsorgane übt er nicht aus. So hat er erst kürzlich eingeräumt, dass Sympathisanten von Boko Haram Teile der Exekutive, Legislative und Judikative infiltriert haben. Einige seien in den Streitkräften, der Polizei und anderen Sicherheitsorganen aktiv. Leidtragende sind vor allem die Christen. So beklagt der Vorsitzende der Christlichen Vereinigung Nigerias, der Pfingstpastor Ayodele Oritsejafor (Warri), dass sie der Staat nicht genügend vor Übergriffen schütze. Er warnt vor einem Bürgerkrieg und befürchtet, dass Christen aus dem gesamten Land verjagt werden. Damit kämen die islamischen Extremisten ihrem Ziel näher, zunächst das Land unregierbar zu machen, um danach die politische und wirtschaftliche Macht zu übernehmen.
Gemäßigte Muslime als „Schutzschilde“
Dabei bilden die „Taliban Nigerias“, wie sie sich selbst nennen, eine winzige Minderheit unter den Muslimen. So setzt sich die gemäßigte Gruppierung „Besorgte Bürger im Bundesstaat Kano“ dafür ein, dass Christen und Muslime gemeinsam Zeichen gegen Gewalt setzen. Ihr Anführer, Bashir Ishaq Bashir, sagte, man müsse dafür sorgen, dass es Boko Haram nicht gelinge, das friedliche Zusammenleben zu zerstören. Um Angriffe abzuwehren, sollten sich Muslime als „menschliche Schutzschilde“ in Kirchen aufhalten. Bisher hat diese Taktik aber nicht gefruchtet. Die Weltöffentlichkeit kann nur hoffen, dass sich die Christen Nigerias nicht dazu hinreißen lassen, „Böses mit Bösem zu vergelten“. Gebete der weltweiten Christenheit um Schutz und Frieden sind dringlicher denn je.