02.06.2012
Indien: Christus-Kaste verändert Indien
Ein Interview mit Karsten Huhn (idea) und Bischof Dr. Singh Komanapalli (Visakhapatnam) Indien
Indien: Christus-Kaste verändert Indien
Ein Interview mit Karsten Huhn (idea) und Bischof Dr. Singh Komanapalli (Visakhapatnam) Indien
Seit etwa 4.500 Jahren gibt es den Hinduismus, der Indien prägt. In den letzten Jahrzehnten findet in dem nach China bevölkerungsreichsten Staat der Erde jedoch das Christentum immer mehr Anhänger – trotz teilweise massiver Verfolgung. Karsten Huhn sprach darüber mit Bischof Dr. Singh Komanapalli (Visakhapatnam), der die evangelische Nethanja-Kirche in den Bundesstaaten Orissa, Andhra Pradesh und Chhattisgarh leitet. Sie zählt über 1.000 Gemeinden.
Herr Bischof Singh, die Christenheit in Indien wächst schneller als die Bevölkerung. Warum?
Ich sehe drei Gründe:
1. Es gibt in Indien immer mehr Kirchen, Organisationen und einzelne Christen, die sich ganz der Weitergabe des Evangeliums widmen. Zum Beispiel luden wir im letzten Jahr in das Cricket-Stadion von Visakhapatnam zu einer viertägigen Evangelisation ein – und 50.000 Menschen kamen.
2. Durch Internet und Fernsehen gibt es heute rund um die Uhr Möglichkeiten, auf Jesus Christus hinzuweisen.
3. Viele Organisationen sind inzwischen in für den christlichen Glauben bisher unerschlossenen Gebieten Indiens unterwegs. Unsere Evangelisten gehen in abgelegene Dörfer, ins Gebirge und zu den Stammesvölkern im Dschungel. Sie predigen dort nicht nur, sondern bleiben vor Ort, leisten soziale Arbeit und bieten medizinische Hilfe. Dadurch erfahren viele Menschen zum ersten Mal, was das Evangelium bedeutet.
In Indien ist der Hinduismus die vorherrschende Religion. Ein Hindu könnte sagen: Das Christentum ist eine westliche Religion, es gehört nicht zur indischen Kultur.
Das behaupten nur die radikalen Hindus. Sie fordern, dass jeder Inder ein Hindu sein sollte. In einigen Bundesstaaten Indiens stellen sie die Regierung. Die Mehrheit der Hindus hat gegenüber dem Christentum jedoch eine moderate, liberale Einstellung: Viele schicken ihre Kinder gerne auf christliche Schulen oder suchen bei Krankheiten christliche Krankenhäuser auf, weil sie deren Qualität schätzen.
Warum brauchen Hindus eigentlich Christus?
Hindus haben viele Götter, die sie anbeten können. Warum brauchen sie nun auch noch Jesus Christus?
Der Hinduismus ist für die Menschen eine schwere Last. Hindus müssen ihren Göttern opfern, um sie zufriedenzustellen – und für diese Opfer ist kein Ende in Sicht. Jedes Mal, wenn ein Hindu den Tempel aufsucht, erhalten außerdem die Priester Früchte, Geld und Gold, in den Dörfern oft auch ein Huhn, eine Ziege oder ein Schaf. Die hinduistischen Götter verlangen viel von den Menschen. Hindus glauben, dass sie für ihre Fehler in vorangegangenen Leben büßen müssen: Wer arm oder krank ist, ist daran also selbst schuld. Er hat auch keine Möglichkeit, dies zu ändern, sondern muss sein Leben erdulden. Wir Christen sagen jedoch: Jesus Christus hat dich durch seinen Tod am Kreuz von deiner Schuld erlöst – du bist nicht an dein Karma (dein Schicksal) gebunden, sondern du bist jetzt frei, du hast eine Zukunft! Jesus Christus sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich gebe euch Frieden.“ Für Hindus ist das eine wunderbare Nachricht!
Was das Christentum so anziehend macht
Was ist in den Ohren eines Hindus daran so wunderbar?
Viele Hindus denken, dass sie von Gott nicht geliebt werden und keinen Zugang zu ihm haben. Wenn sie hören, dass Jesus Christus als Sohn Gottes zu uns Menschen gekommen ist und dass er uns zu sich einlädt, ist das für sie eine befreiende Nachricht.
Gibt es etwas an der christlichen Botschaft, was für Hindus schwer zu akzeptieren ist?
Die Frage, warum Jesus Christus am Kreuz leiden und sterben musste, wenn er doch Gottes Sohn ist. Das heißt: Die Botschaft vom Kreuz kann nicht ohne die Auferstehung gepredigt werden, denn sonst wäre das Kreuz nur schwer zu verstehen. Dass Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, verkünden wir in allen unseren Predigten. Sie zieht die Menschen an, und viele weinen, wenn sie hören, dass Gott für sie gestorben ist.
Sie weinen?
Sie weinen, weil sie begreifen, dass es Vergebung für ihre Sünden gibt.
Die indische Tageszeitung „The Indian Express“ (Neu Delhi) schreibt: „Armut und Schlichtheit machen Inder zu einer leichten Beute, um zum Christentum bekehrt zu werden. Indem sie das tun, schneiden christliche Missionare das Volk von seinen Wurzeln und seiner Tradition ab.“
Ich denke, es gibt eine andere Erklärung: Wir behandeln die Menschen nicht als arm und dumm, sondern wir helfen ihnen – und das spüren sie. Wir sehen es auch nicht als unseren Auftrag an, das Volk von seiner Kultur abzuschneiden. In unseren Kirchen gibt es keine Orgeln, sondern Trommeln, wir musizieren nach indischen Rhythmen und Melodien. Wir predigen und singen in den jeweiligen Landessprachen. Und die Menschen sitzen nicht auf Kirchenbänken, sondern auf dem Boden. Wir verändern nicht die Kultur, sondern die Religion! Wenn in Indien zum Beispiel ein Haus eingeweiht werden soll, gibt es den Brauch, eine Kokosnuss zu zerbrechen und zu den Göttern zu beten. Wenn wir ein Haus einweihen, verzichten wir auf dieses Ritual und beten nur zu dem einen Gott.
Wenn das ganze Dorf christlich wird
Werden die Evangelisten Ihrer Kirche mit Begeisterung empfangen, wenn sie zum ersten Mal in ein Dschungeldorf kommen?
Wenn wir den Dorfbewohnern von unserem Gott erzählen, sind sie meist besorgt, dass ihre Götter darüber zornig werden und sie bestrafen könnten. Die meisten zögern deshalb zunächst, wenn sie unsere Verkündigung hören.
Wie erreichen Sie dann die Herzen?
Eine Veränderung steht nicht in unserer Macht, sondern ist Gottes Angelegenheit. Was wir dabei tun können, ist: die Familien zu besuchen, für sie zu beten, den Kranken die Hände aufzulegen und sie zu unterstützen – medizinisch oder auch finanziell. Wenn die erste Familie beginnt, sich zu Jesus Christus zu bekennen, folgt mit der Zeit oft das ganze Dorf nach – manchmal auch erst nach Jahren.
Laden die Familien Sie einfach in ihre Hütten ein?
Wir versuchen zuerst, eine gute Beziehung zum Dorfbürgermeister aufzubauen. Wenn er uns vertraut, reden auch die Einwohner mit uns. Was ebenfalls wichtig ist: Wir kritisieren nicht die hinduistischen Götter. Stattdessen würdigen wir die Hingabe, die die Dorfbewohner gegenüber ihren Göttern zeigen. Dann erzählen wir ihnen von dem Gott, der sie liebt und zu dem sie so kommen können, wie sie sind.
Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Hinduismus und christlichem Glauben eigentlich?
Wie das Christentum ist auch der Hinduismus eine gewaltfreie Religion, in der die Regel gilt: „Füge niemandem Schaden zu.“ Allerdings geht Jesus Christus noch darüber hinaus, wenn er fordert: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ich finde es sehr interessant, dass viele hinduistische Politiker diesen Vers zitieren, obwohl er nicht in hinduistischen Schriften, sondern in der Bibel steht.
Der Hinduismus kennt Millionen von „Göttern“
Was ist der größte Unterschied zwischen Hinduismus und christlichem Glauben?
Im Hinduismus gibt es Millionen von Göttern. Für jeden Zweck gibt es einen eigenen Gott: für Weisheit, für Stärke, für Geld – für alles. Dagegen können sich Christen mit all ihren Bedürfnissen an einen Gott wenden. Alle unsere Hoffnungen beruhen auf Jesus Christus.
Die Unberührbaren (die Dalits)
Fast ein Viertel der indischen Bevölkerung sind Dalits – „Unberührbare“: Sie gehören der untersten Gesellschaftsschicht an, werden stark diskriminiert und haben kaum Rechte. Beobachter der christlichen Mission in Indien sagen, das Christentum in Indien sei eine „Dalit-Religion“, weil 70% der indischen Christen Dalits sind.
Es gibt in unseren Kirchen aber nicht nur Menschen aus den unteren Kasten, sondern auch viele reiche, gebildete Inder, zum Beispiel aus der Kaste der Brahmanen. Sie sind sicher nicht auf die materielle Hilfe der christlichen Gemeinde angewiesen, sondern ihre Herzen werden vor allem von der christlichen Botschaft berührt.
Der Pastor arrangiert Ehen
Spielt es in den Kirchengemeinden noch eine Rolle, aus welchen Kasten die Gottesdienstbesucher kommen?
Wir versuchen in unseren Predigten, die Frage nach der Kastenzugehörigkeit aufzuheben. Bei uns gehören alle Menschen zu einer Kaste: der Christus-Kaste! Zum Beispiel kann in unseren Gemeinden jeder sitzen, wo er will. Es gibt keine Sitzordnung, in der die ehemalige Kastenzugehörigkeit berücksichtigt wird. Oft wird in unseren Gemeinden auch der Pastor gebeten, Ehen zu arrangieren. Wir suchen dann nicht nach einem Partner aus der gleichen Kaste, sondern nach einem Christen – auch wenn er einst einer anderen Kaste angehörte. Eine weitere Möglichkeit ist der Namenswechsel: An vielen indischen Namen lässt sich die Kastenzugehörigkeit ablesen. Bei der Taufe bekommt bei uns jedoch jeder einen neuen Namen, der auch im Personalausweis eingetragen wird.
Abschied vom Kastenwesen
Ihr Versuch, das für Indien immer noch typische Kastenwesen zu überwinden, muss von Hindus als große Bedrohung empfunden werden.
Ja! Viele Hindu-Führer sind besorgt, dass sie ihre Führungsrolle verlieren könnten. Es gefällt radikalen Hindus nicht, dass wir alle Menschen gleich behandeln und zum Beispiel auch Menschen aus den unteren Kasten Schulbildung anbieten. Daher muss eine Hindu-Frau, die Christin wird, damit rechnen, von ihrer Familie ausgestoßen zu werden. Sie wird von den Angehörigen wie tot behandelt. In den höheren Kasten geschieht das sehr häufig! Aber das Wunderbare daran ist: In den meisten Fällen werden der Ehemann und die anderen Familienmitglieder schließlich doch noch Christen.
Weshalb?
Die von ihren Familien ausgestoßenen Christen geben die Hoffnung nicht auf. Sie beten für ihre Familie, bis diese Christus angenommen hat. Das kann manchmal 5, 10 oder 15 Jahre dauern.
Was sich im Alltag verändert
Was ändert sich im Alltag, wenn ein Hindu Christ wird?
Ein großes Problem in Indien ist der hohe Alkoholkonsum. Wenn ein Hindu Christ wird, hört er in der Regel mit dem Trinken auf, spart das Geld und investiert es in die Bildung seiner Kinder oder den Bau eines Hauses. Das wird meistens auch von den Nachbarn bemerkt und hat eine große Vorbildwirkung. Ein weiteres Problem ist, dass viele Frauen von ihren Männern geschlagen werden. Der christliche Glaube lässt es nicht zu, dass eine Frau geschlagen wird. Wenn die Männer Christen werden, fordern wir sie dazu auf, mit dem Prügeln aufzuhören. Wir fordern die Männer auch auf, sich mit ihren Frauen vor Entscheidungen zu beraten und das Haushaltsgeld mit ihnen zu teilen. Nicht nur Menschen aus verschiedenen Kasten, sondern auch Männer und Frauen werden bei uns gleich behandelt.
Ist es wirklich so leicht, Veränderungen zu bewirken?
Natürlich braucht es Zeit, bis sich das Verhältnis von Ehepartnern verändert. Zum Beispiel sprechen Männer ihre Frauen mit Vornamen an und erteilen ihnen Befehle. Dagegen müssen die Frauen ihre Männer mit „Herr“ ansprechen. Das zu ändern, braucht viel Zeit. Viele Männer betrachten ihre Ehefrau als ihr Eigentum, und es fällt ihnen schwer, ihren Frauen Verantwortung zu übertragen – auch dann, wenn der Mann Christ geworden ist.
Was tun Sie in solchen Fällen?
Wir predigen sehr viel über Familienthemen und über das Verhältnis von Mann und Frau, wie es zum Beispiel im Epheserbrief 5,25 beschrieben wird: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, und zwar so, wie Christus die Gemeinde geliebt hat.“ Ich bin kein Heilungs- oder Wohlstandsprediger, der den Zuhörern Reichtum verspricht, wenn sie ihrer Gemeinde nur genug geben. Dagegen fordere ich meine Zuhörer oft auf, ihr Familienleben in Ordnung zu bringen, damit sie Frieden haben. Dafür sind viele Familien – besonders die Frauen – sehr dankbar.
Haben Sie ein weiteres Beispiel für ein gelungenes Familienleben?
Ich fordere Eltern dazu auf, ihren Kindern nicht nur Vorgaben zu machen, sondern mit ihnen zu diskutieren. Eltern sollten ihre Kinder auch um Entschuldigung bitten, wenn sie etwas falsch gemacht haben, denn Eltern machen nicht immer alles richtig und Kinder nicht immer alles falsch. Umgekehrt sollten Kinder aber auch nicht auf ihre Eltern herabschauen! Es gibt heute in Indien eine Kluft zwischen den Generationen: Die Jüngeren wachsen heute mit dem Internet auf, die Älteren sind an ihre Traditionen und Bräuche gebunden. Also sollten die Jüngeren versuchen, ihre Eltern zu verstehen.
Wie sieht Indien 2030 aus?
Was in Indien verwirrend ist: Einerseits sichert die indische Verfassung Religionsfreiheit zu. Zugleich gibt es in fünf Bundesstaaten Anti-Bekehrungsgesetze: Christen dürfen nicht die christliche Botschaft so verbreiten, dass Hindus Christen werden. Wie passt das zusammen?
Diese fünf Bundesstaaten werden von der radikalen Hindupartei BJP regiert. Ihr Ziel ist es, dass das Anti-Bekehrungsgesetz in ganz Indien eingeführt wird. Unter Religionsfreiheit verstehen sie, dass jeder Gläubige seine Religion ausüben kann. Dagegen sollen Konversionen zu einer anderen Religion nicht erlaubt sein. Deshalb ist es mir zum Beispiel nicht erlaubt, vor einem Hindu-Tempel eine Predigt zu halten oder ein Traktat zu verteilen – dafür würde ich ins Gefängnis kommen.
Werden Christen im Jahr 2030 noch benachteiligt?
Immer mehr Inder werden zu Jesus gehören. Doch sie werden von Verfolgung begleitet sein. Manche könnten ihr Haus verlieren, andere von ihren Familien verstoßen werden – und einige sogar ihr Leben verlieren. Es ist eine harte Wahrheit, aber nach meiner Erfahrung als Missionar im Dschungel spielt Christenverfolgung bei der Ausbreitung des christlichen Glaubens eine große Rolle.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Arbeit von Bischof Dr. Singh Komanapalli wird unterstützt von der Organisation „Kinderheim Nethanja Narsapur/ Christliche Mission Indien“: www.nethanja-indien.de • 07157 5394111 • Albrechtstraße 12 • 71093 Weil im Schönbuch