01.03.2012
Deutschland: Studie über Lebenswelten junger Muslime
Christliche Organisationen plädieren für mehr Begegnungen Parteien sind uneins
Deutschland: Studie über Lebenswelten junger Muslime
Christliche Organisationen plädieren für mehr Begegnungen
Parteien sind uneins
Berlin/Nürnberg/Stuttgart (idea) – Eine Studie über die Integrationsbereitschaft von jungen Muslimen hat bei den Parteien ein gegensätzliches Echo ausgelöst. Christliche Organisationen sehen in der vom Bundesinnenministerium am 1. März in Berlin veröffentlichten Untersuchung vor allem eine Aufforderung zu mehr Begegnungen zwischen Einheimischen und Fremden. Die Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ ergab, dass 22 Prozent der deutschen Muslime nicht bereit seien, sich zu integrieren. Bei den deutschen Muslimen zwischen 14 und 32 Jahren seien es 15 Prozent, bei denen ohne einen deutschen Pass 24 Prozent. Zu den Merkmalen dieser Gruppe gehörten auch eine strenge Religiosität, eine starke Abneigung gegenüber dem Westen und die Tendenz, Gewaltanwendung zu akzeptieren. Für die Studie wurden 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime telefonisch befragt. Zudem hat man 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen analysiert. Von den rund vier Millionen Muslimen hat etwa jeder zweite keinen deutschen Pass.
Innenminister: Es gibt keinen Platz für religiös-fanatische Ansichten
Bei den Parteien hat die Untersuchung ein unterschiedliches Echo ausgelöst. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte der „Bild“-Zeitung, dass Deutschland den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten nicht akzeptiere: „Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben.“ Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl, befürchtet, dass die Integrationsverweigerung zu religiösem Fanatismus und Terrorismus führen könne. In anderen Parteien stößt die Studie auf Kritik. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnte davor, lediglich Schlagzeilen zu produzieren: Sie befürchtet eine Debatte, „die ein Zerrbild des Einwanderungslandes Deutschland vermittelt“. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende, Aydan Özoguz, warf den Autoren der Studie vor, nur „nichteingebürgerte, also auch nicht hier geborene Jugendliche aus islamischen Kulturkreisen befragt" zu haben. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, sagte, dass man sich über Abwehrhaltungen nicht wundern dürfe, wenn man Muslime nur im Zusammenhang mit Terrorismus wahrnehme „und sonst nicht müde wird, ihnen zu erklären, dass der Islam nicht Teil unserer Gesellschaft ist“.
Folgen der religiösen Situation in Deutschland
Nach Ansicht eines Vorstandsmitglieds des Arbeitskreises für Migration und Integration der Deutschen Evangelischen Allianz, Günther Korn (Nürnberg), ist die Integrationsunwilligkeit zahlreicher junger Muslime auch auf die religiöse Situation in Deutschland zurückzuführen. Wer leere Kirchen erlebe und ständige Klagen über Kirchenaustritte und rückläufige Besucherzahlen höre, sei empfänglich für die Botschaft des Korans, dass der Islam die bessere Religion sei, sagte Korn gegenüber idea. Auch viele Fernsehsendungen widersprächen dem sittlichen Empfinden religiöser Menschen. Berichte über Koranschändungen verstärkten bei Muslimen den Eindruck, dass ihr Platz nicht in der westlichen, vom Christentum geprägten Gesellschaft sei. Dazu komme eine große Gleichgültigkeit der deutschen Bevölkerung gegenüber Fremden. Begegnungen zwischen Christen und Muslimen fänden vor allem bei Konferenzen oder Dialogveranstaltungen statt, während nachbarschaftliche Besuche Seltenheitswert hätten. Dabei zeigten die Erfahrungen des Arbeitskreises, dass da, wo Kirchenmitglieder auf Muslime zugehen, Integrationsprobleme selten seien.
Für einen „Wetteifer der Religionen“
Der Geschäftsführer der Evangelischen Ausländerseelsorge, Pfarrer Hanna Josua (Stuttgart), beobachtet ebenfalls, dass immer mehr junge Muslime auf Distanz zur deutschen Gesellschaft gehen. Als Gründe nennt er zum einen die zunehmende antiwestliche Beeinflussung durch religiöse und politische Gruppen. Eine große Rolle spiele dabei das Internet. Zum anderen stießen junge Muslime wegen mangelnder Sprachkenntnisse oder auffälligen Verhaltens häufig auf Ablehnung, was sie unberechtigterweise auf ihren Glauben zurückführten. „Integration ist vor allem ein Bildungsproblem“, sagte Josua gegenüber idea. In den Schulen sollten gegenseitige Vorurteile abgebaut und Verständnis für unterschiedliche Lebensbedingungen geweckt werden. Auch die Kirchen könnten zum gesellschaftlichen Frieden beitragen, indem sie verstärkt Begegnungen von deutschen und ausländischen Jugendlichen ermöglichen. Außerdem sollten sie sich dem „Wetteifer der Religionen bei der Verwirklichung des Guten“ stellen. Wenn Muslime Islam mit Frieden gleichsetzten, müsse sich das in ihrem Verhalten ausdrücken. Ebenso sollten Christen zeigen, dass sich in ihrem Umgang mit Andersgläubigen der Geist des Friedensfürsten Jesus Christus widerspiegele.