01.03.2012

Türkei: Fünf Jahre nach den Christenmorden in Malatya

Hintermänner gehören vermutlich einer nationalistischen Untergrundorganisation an. Richter wollen die Drahtzieher von Christenmorden anklagen

Türkei: Fünf Jahre nach den Christenmorden in Malatya

Hintermänner gehören vermutlich einer nationalistischen Untergrundorganisation an. Richter wollen die Drahtzieher von Christenmorden anklagen

Malatya (idea) – Am 9. April will das Dritte Strafgericht in Malatya die Anklage gegen die mutmaßlichen Hintermänner der Morde an drei Christen erheben und eine Woche lang Zeugen vernehmen. Das berichtet der Informationsdienst Compass Direct News. Am 18. April 2007 waren Mitarbeiter des christlichen Zirve-Verlags im ostanatolischen Malatya brutal ermordet worden. Fünf junge Männer hatten den Deutschen Tilmann Geske sowie seine türkischen Kollegen Necati Aydin und Ugur Yuksel gefesselt, gefoltert und ihnen anschließend die Kehle durchgeschnitten. Die fünf jungen Männer waren unmittelbar nach ihrer Tat verhaftet worden. In dem seit November 2007 laufenden Prozess erhärtete sich der Verdacht, dass eine türkische Untergrundorganisation die Morde in Auftrag gegeben haben könnte. Bei Ermittlungen gegen das nationalistisch gesinnte Netzwerk „Ergenekon“ war den Beamten eine CD in die Hände gefallen, auf der Informationen zu einem sogenannten „Käfig-Aktions-Plan“ gespeichert waren. Dieser Plan sah vor, prominente Nicht-Muslime mit türkischer Staatsbürgerschaft zu töten, um die Morde anschließend der Regierung anzulasten. In dem Zusammenhang wurden die Morde an dem armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul, dem katholischen Priester Andrea Santoro in Trabson und den drei Christen in Malatya als erfolgreiche „Operationen“ erwähnt.

„Ergenekon“ schon länger unter Verdacht

Mutmaßlichen Mitgliedern des geheimen Netzwerkes „Ergenekon“ wird in der Türkei schon seit 2008 der Prozess gemacht. Sie sollen an einem Komplott gegen die derzeitige Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beteiligt sein. Unter ihnen befinden sich Militärs, Journalisten, Akademiker und Geschäftsleute. Die Anwälte der Familien der Opfer im Mordfall an den drei Christen hatten im Februar verlangt, dass der Fall „Ergenekon“ zu dem Mordfall in Malatya hinzugezogen wird. Die letzte Anhörung im Malatyaprozess hatte am 17. Februar stattgefunden. „Wir wissen nicht, bis zu welchem Ausmaß der Fall ausgeweitet werden wird. Aber ich hoffe, dass das gesamte Netzwerk aufgedeckt werden kann,“ so Orhan Kemal Cengiz, ein Anwalt der Kläger.

Unnötige Verzögerungen?

Die Klägerseite drängt seit einigen Jahren darauf, den Fall Ergenekon mit dem der Malatya-Morde zusammenzuführen und die Verbindungen zwischen dem geheimen Netzwerk und den Morden an den drei Christen aufzudecken. Der Prozess im Mordfall an den drei Christen war ins Stocken geraten, da es personelle Wechsel bei den zuständigen Amtsvertretern gegeben hatte. Sowohl der oberste Richter Eray Gurtekin, der mit dem Mordfall in Malatya betraut worden war, als auch der verantwortliche Staatsanwalt Zekeriya Oz im Fall Ergenekon waren befördert worden. Die Klägerseite kritisierte dies als unnötige Verzögerung und vermutete einen Sabotageversuch. Jetzt hofft sie, dass die Ermittlungen zügiger erfolgen und die Verantwortlichen verurteilt werden können.

Vorurteile gegen Christen sitzen tief

Obwohl die Verfassung der Türkei Religionsfreiheit garantiert, sind Vorurteile gegen Christen tief in der türkischen Gesellschaft verankert. Sie werden oft als Agenten des Westens angesehen, die die türkische Staatssicherheit gefährden würden. Von den 75 Millionen Einwohnern des Landes sind laut Compass Direct News ca. 4.000 ehemalige Muslime zum Christentum übergetreten. Insgesamt leben etwa 120.000 Christen in der Türkei. Ihre Situation ist von Schikanen im Alltag, bürokratischen Hürden und Benachteiligungen geprägt.