15.03.2012
Indien: Wie Christen Indien verändern
Im nach China einwohnerreichsten Staat der Erde wächst die Zahl der Christen etwa dreimal so schnell wie die der Bevölkerung. Vor allem Menschen aus den untersten Gesellschaftsschichten wenden sich dem christlichen Glauben zu. Warum? idea-Reporter Karsten Huhn war vor Ort.
Sie sind aus den Nachbardörfern gekommen, mit Fackeln, mit Taschenlampen oder dem Licht, das ihre Mobiltelefone spenden. In Kenduguda – einem Dschungeldorf am Godavari-Fluss, einem Ort ohne Stromanschluss im Süden des indischen Bundesstaates Orissa – findet ein Evangelisationsabend statt. Manche Männer tragen Mützen oder Ohrenschützer, die Frauen haben sich Decken umgelegt. Es ist noch indischer Winter, 20 Grad Celsius, für örtliche Verhältnisse ist das kühl. Die Menschen haben sich am Dorfplatz versammelt, um zu trommeln, zu singen, zu tanzen und zu feiern. Es wird ein enthusiastischer Abend voller Halleluja und Hosianna, ein Höhepunkt für das Dorf: Gleich wird Singh Komanapalli predigen, Bischof der unabhängigen evangelischen Nethanja-Kirche. Um in das Dorf zu kommen, ist der Bischof stundenlang durchs Land gefahren, immer tiefer in die Berge, hinein in den Dschungel, dahin, wo der Pfeffer wächst und sich Tiger und Affe „Gute Nacht“ sagen. Er ist an vielen kleinen Siedlungen vorbeigefahren, an zahlreichen Hindutempeln und auch an nicht wenigen Kirchen. Viele dieser Kirchen sind in den letzten 30 Jahren durch die Arbeit von Bischof Komanapalli und seinen Mitstreitern entstanden. Etwa 150.000 Getaufte und 1.200 Gemeinden zählt die Kirche inzwischen. Sie beschäftigt 1.500 hauptamtliche Pastoren und Evangelisten. Allein im letzten Jahr gab es etwa 4.000 Taufen. Unterstützt wird die Arbeit von einem Verein in Deutschland: „Kinderheim Nethanja Narsapur/Christliche Mission Indien“. Begonnen hat die Zusammenarbeit Anfang der 70er Jahre – mit dem Aufbau eines Kinderheims in der Küstenstadt Narsapur im Süden des Bundesstaates Andhra Pradesh. Heute betreibt die Nethanja-Kirche neben der Gemeindearbeit elf Kinderheime sowie mehrere Schulen und Ausbildungsstätten.
Die Taufe: der Waschtag der Kirche
Am Tag nach dem Evangelisationsabend im Dschungeldorf Kenduguda findet am Godavari-Fluss eine Taufe statt. Frauen und Männer stehen in zwei Schlangen vor dem Fluss. „Nimmst du Jesus Christus als deinen Herrn an?“, fragt der Bischof jeden. „Wirst du ihm treu sein, so lange du lebst?“ Am Ufer feuert ein Chor – begleitet von Trommeln und Rasseln – die Täuflinge an. Nur zwanzig Meter entfernt ist Waschtag. Mehrere Frauen haben Tröge mit Wäsche an den Fluss gebracht und schlagen den Schmutz aus den Kleidern. Es ist ein treffendes Bild: Bei der Taufe wird die Sünde von der Seele gewaschen. Die Taufe ist der Waschtag der Kirche. „Jesus Christus ist der Maharadscha“, jubelt der Chor. Jesus ist König. Mehr als 50 Menschen lassen sich an diesem Tag taufen.
Ein Land der zwei Geschwindigkeiten
Indien ist ein Land der zwei Geschwindigkeiten: Seit einem Jahrzehnt wächst die Wirtschaft um mindestens 6 % pro Jahr und gehört inzwischen zu den fünf mächtigsten Volkswirtschaften der Welt. Doch ein Drittel der Bevölkerung profitiert davon kaum – und lebt weiterhin von weniger als einem Euro pro Tag. Auch in Indien gibt es Sozial- und Krankenversicherung – allerdings nur für etwa 20 % der Bevölkerung. Obwohl offiziell Schulpflicht gilt, gehen tatsächlich nur etwa 70% der Kinder zur Schule. In den Städten dürften es mehr sein, in den Dörfern zum Teil deutlich weniger; kontrollieren lässt sich das kaum. Dennoch ist die Globalisierung inzwischen bis in die Dschungeldörfer vorgedrungen. So kann man in einem Dorf einen Bauern bei der Arbeit beobachten: Er trennt die Spreu vom Reis, in dem er einen mit Reiskörnern gefüllten Korb über seinem Kopf sanft hin und her schüttelt. Ein langsames, jahrtausendealtes Handwerk. Plötzlich ein Klingelton. Der Bauer unterbricht, greift in seine Hosentasche und zieht sein Mobiltelefon heraus und telefoniert.
Dass Gott existiert, steht für Inder außer Zweifel. Es gibt Gott – die Frage ist nur: wie viele „Götter“ gibt es? Beim Besuch eines der zahlreichen Hindu-Tempel kann man Dutzende von Gottheiten um Hilfe anrufen und mit einem Opfer gefällig stimmen. So soll Ganesh Hindernisse beseitigen; Schiva verheißt Fruchtbarkeit und Lakschmi verspricht Glück. Bischof Singh Komanapalli zufolge ist der Hinduismus für die Menschen jedoch eine schwere Last, weil sie sich der Liebe ihrer Gottheiten nie sicher sein können: „Hindus sind an ihr Karma, also ihr Schicksal, gebunden. Hindus glauben, dass sie für ihre Fehler in vorangegangenen Leben büßen müssen. Wer also arm oder krank ist, ist daran selbst schuld. Er hat keine Möglichkeit, dies zu ändern, sondern muss sein Leben erdulden. Wir Christen sagen jedoch: Jesus Christus hat dich durch seinen Tod am Kreuz von deiner Schuld erlöst – du bist nicht an dein Karma gebunden, sondern du bist jetzt frei, du hast eine Zukunft!“
Eine „Kirche für Aussätzige“
In Indien ist das Evangelium politisch hochbrisant, weil es die Gesellschaftsordnung infrage stellt. Aus hinduistischer Sicht ist der christliche Glaube vor allem ein Angriff auf das Kastenwesen. Noch immer ist die indische Gesellschaft von einem pyramidenartigen Aufbau geprägt: An der Spitze stehen die Brahmanen (Priester und Gelehrte), unter ihnen rangieren die Kshatriya (Krieger), die Vaishya (Händler, Handwerker und Bauern) und die Shudra (Handlanger). Ganz unten angesiedelt sind die „kastenlosen“ Dalits („Unberühr-bare“) – ihre Zahl wird auf 240 Millionen geschätzt, was rund einem Fünftel der indischen Bevölkerung entspricht. Dagegen sagt Bischof Komanapalli: „Wir kennen nur eine Kaste: die Jesus-Kaste“. Vor allem für Menschen aus den untersten Gesellschaftsschichten ist diese Botschaft attraktiv. Die Mehrheit der Christen in Indien gehört zu den Armen, weshalb die christlichen Gemeinden Indiens manchmal auch als „Kirche für Aussätzige“ bezeichnet werden.
Warum die Gemeinden wachsen
Als Indien 1947 die Unabhängigkeit erlangte, soll es etwa 2 % Christen im Land gegeben haben. Heute sind es offiziell 3 %. Weil sich viele Getaufte jedoch nicht staatlich registrieren lassen, gehen die Kirchen von 6 bis 8 % aus. Diese Zahlen mögen auf den ersten Blick gering erscheinen. Bei einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen entspricht das jedoch – je nach Schätzung – 36 bis 96 Millionen Christen. Welche Gründe gibt es für das Gemeindewachstum? Bischof Singh nennt vier: „1. Unsere Gemeinden sind nicht durch große Theologen, gewaltige Prediger und riesige Versammlungen entstanden und gewachsen, sondern durch den einfachen Dienst treuer Christen, die das Wort Gottes erlebt und weitergegeben haben. 2. Viele Christen haben Anfeindungen und Verfolgungen geduldig ertragen. 3. Wir erleben Wunder, Krankenheilungen und die Befreiung von bösen Geistern. Dadurch hat Gott Gemeinden gestärkt und wachsen lassen. Wir erfahren, dass Gott immer wieder sein Wort durch machtvolle Zeichen bestätigt und beglaubigt. 4. Es hat viele gegeben, die zu Märtyrern geworden sind und ihr Leben um ihres Glaubens willen hergegeben haben. Ihr Zeugnis und ihr Leiden hat vielfältige Frucht gebracht.“
Ein Kinderheimplatz für 20 Euro
Um ein Kinderheim betreiben zu können, braucht es militärische Ordnung. Beim morgendlichen Abmarsch zur Schule treten die Kinder in Zweierreihen an; täglich werden Schlafsaal und Gemeinschaftsräume geschrubbt. Bis zu 20 Kinder schlafen in einem Raum. Jedes Kind besitzt eine Matte, eine leichte Bettdecke und einen kleinen Koffer, in dem es seinen ganzen Besitz verstaut. Umgerechnet etwa 20 Euro kostet ein Kinderheimplatz pro Monat. Für die Kinder, die einen dieser Plätze erhalten, ist das wie ein Lotteriegewinn. Viele sind Waisen oder Halbwaisen, andere haben alkoholabhängige Eltern, manche sollten in die Prostitution verkauft werden. Statt auf der Straße zu leben, besuchen sie nun die Schule und wachsen im Kinderheim mit christlichen Werten auf.
Zu Besuch in Gudem, einem Kinderheim im Dschungelgebiet. 29 Mädchen, 8 Jungen und 4 Erzieher leben hier. Ein Schlafsaal für die Mädchen, einer für die Jungen, zwei Räume für die Erzieher, dazu eine kleine Küche. Die Gäste werden von den Kindern mit Blumengirlanden und Halleluja-Liedern empfangen. Stolz präsentieren sie Bibelverse, die sie auswendig gelernt haben, zum Beispiel: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr“ (Sprüche 6,6). Einige Kinder besuchen nach ihrer Zeit im Kinderheim eine Bibelschule, werden Pastoren und gründen Gemeinden. Bezahlt werden die Pastoren der Nethanja-Kirche mit einem Grundgehalt, dazu erhalten sie oft Naturalien wie Reis und Gemüse von den Dorfbewohnern. Manchmal werden zunächst nur einzelne Dorfbewohner Christen, mitunter wendet sich aber auch ein ganzes Dorf von seinen Naturgöttern ab und dem christlichen Gott zu.
Der Schlüssel: Bildung und Sozialarbeit
Der Schlüssel für den Gemeindeaufbau der Nethanja-Kirche ist die Bildungs- und Sozialarbeit. Neben den 11 Kinderheimen betreibt sie über das Land verteilt ein Ausbildungszentrum für Industriemechaniker, ein Technikzentrum, in dem die Auszubildenden Fernseher, Computer und Radios zu reparieren lernen, sowie Nähschulen, nach deren Besuch sich die Frauen als Schneiderin selbstständig machen können.
In Kondalaagraharam – einem 3.000-Einwohner-Dorf westlich von Visakhapatnam – betreibt die Nethanja-Kirche das Emmanuel-Missionskrankenhaus. 8 Ärzte, 18 Krankenschwestern und 2 Apotheker arbeiten hier. „Aus christlichem Geist heraus den Ärmsten der Armen helfen – unabhängig von Religion, Kaste oder Hautfarbe“, ist das Motto der Mitarbeiter. Die Behandlungskosten im Emmanuel-Krankenhaus sind abhängig vom Einkommen des Patienten. Arme werden kostenlos behandelt. Die Mehrheit der Mitarbeiter sind Christen, es gibt in der Belegschaft aber auch Hindus, Muslime und Angehörige von Stammesreligionen. Wohl am wichtigsten dürfte die Geburtsstation des Krankenhauses sein. Mehr als 700 Geburten gab es im letzten Jahr. Inzwischen kommen fast alle Frauen aus den umliegenden Dörfern zur Geburt hierher. Die Säuglingssterblichkeit konnte dadurch deutlich verringert werden.
3,6 Millionen AIDS-Infizierte leben in Indien
500 Meter vom Krankenhaus entfernt widmet sich die Emmanuel-Sozialstation den HIV-Erkrankten der Region. Zwar wütet der AIDS-Virus in Indien nicht so stark wie in vielen afrikanischen Ländern: Etwa 3,6 Millionen Menschen sollen infiziert sein. Es ist das eine, von diesen Zahlen zu wissen. Und dann sitzt man plötzlich vor 50 Kindern – und erfährt, dass sie den HI-Virus in sich tragen. Täglich bekommen sie Medikamente, um den Ausbruch der Krankheit so lang wie möglich hinauszuschieben. Finanziert wird die Behandlung vom indischen Staat, der mit dem christlichen Anbieter eng zusammenarbeitet. 15 Emmanuel-Sozialarbeiter – die meisten selbst infiziert – besuchen die Dörfer, informieren über die AIDS-Gefahr und zeigen, wie man Kondome verwendet, um eine Übertragung des Virus zu vermeiden. Bisher 5.570 Erkrankte sind in den dicken Registrierbüchern der Emmanuel-Sozialstation verzeichnet. Bisher gab es 73 durch AIDS bedingte Todesfälle.
Wir haben den Sinn unseres Lebens gefunden …
Der Gesamtleiter des Emmanuel-Werkes ist Jeevan Komanapalli, ein Bruder von Bischof Singh. Mit unternehmerischem Geschick, politischer Diplomatie und guten Kontakten zu den deutschen Unterstützern hat Jeevan Komanapalli immer neue Arbeitszweige ins Leben gerufen: Neben Krankenhaus und Sozialstation betreibt das Emmanuel-Werk eine Schule zur Ausbildung von Krankenschwestern, Hebammen oder Kinderpflegerinnen. Es gibt ein staatlich anerkanntes Kolleg für 120 Lehramtsstudenten; 250 Kinder besuchen die Grund- oder Sekundarschule; 60 geistig oder körperlich behinderte Kinder erhalten in zusätzlichen Unterrichtsstunden eigene Therapieangebote. So lernen hier 26 gehörlose Kinder die Zeichensprache, wie man Laute bildet und Lippen liest. „Wir haben den Sinn unseres Lebens in der Arbeit mit den Armen gefunden“, sagt Komanapalli.
Laut ist gut – damit auch die Nachbarn das Evangelium hören
Am Abend besuchen wir zwei Dörfer weiter eine Evangelisationsveranstaltung mit etwa 200 Gästen. Die musikalische Begleitung haben zwei Knaben übernommen, sie trommeln und rasseln, das Publikum singt und klatscht euphorisch. Auf der Bühne führen Mädchen und Jungen Tänze auf, die Mädchen zart und anmutig; die Jungen springen so wild, dass die Bühne ins Wackeln gerät. Lampen und Lautsprecher werden von einem Generator versorgt. Plötzlich ist der Strom weg. Dunkelheit. Alle singen weiter, als wäre nichts passiert. Ein paar Taschenlampen gehen an. Nach einer Minute ist der Strom wieder da. Laut ist gut, könnte das Motto dieses Abends sein: Lieder und Predigt werden mit Diskolautstärke übertragen, damit auch die Nachbarn, die nicht zu kommen wagten, hören können, was die Christen glauben.
Mein Bett, meine Bibel, mein Koffer
Berührend sind die Empfänge in den Kinderheimen, zum Beispiel im Mädchenhaus in Rajahmundry: Man wird von den Mädchen umringt und buchstäblich gefangen genommen. Sie führen durch ihr Haus, als wäre es ein Palast. Sie zeigen ihren Schlafsaal, das Zimmer der Hausmutter und überraschen mit einem Blumenblüten-Attentat. Dann zeigen sie ihre Schätze: mein Bett, meine Bibel, mein Koffer. Die Mädchen fordern dazu auf, im Bett Probe zu liegen, sie öffnen ihren Koffer und zeigen ihre Schätze, als wären es Kronjuwelen: ein paar Ringe, Spangen, die Schulhefte. Es ist eine kindliche, eine überwältigende Freude, ein Heilbad für die Seele. Hier ist das Himmelreich ziemlich nahe herbeigekommen.
Quelle: idea