21.03.2012

Deutschland: "Nicht jedes Verbrechen an Christen ist Verfolgung"

Bayerischer Oberkirchenrat mahnt zu zurückhaltender Bewertung

Deutschland: "Nicht jedes Verbrechen an Christen ist Verfolgung"

Bayerischer Oberkirchenrat mahnt zu zurückhaltender Bewertung

 

Augsburg (idea) – Mehr Zurückhaltung bei der Verwendung des Begriffs „Christenverfolgung“ fordert der bayerische Oberkirchenrat Michael Martin (München). Nicht alle Verbrechen an Christen seien religiös motiviert, erklärte er am 20. März vor der Landessynode in Augsburg. Manche Beobachter verwendeten den Begriff „Christenverfolgung“, um politische Motive für Mord und Totschlag zu verschleiern. Als Beispiel nannte Martin die Ermordung von drei Christen im April 2007 in der türkischen Stadt Malatya. Während christliche Organisationen wie das Hilfswerk „Open Doors“ das Verbrechen als Beweis für Christenverfolgungen in  der Türkei betrachteten, habe eine europäische Untersuchungskommission in einer 45-seitigen Analyse nachgewiesen, dass die Täter in Verbindung zu ultranationalistischen Kreisen gestanden hätten. „Demnach habe es sich um ein politisch motiviertes Verbrechen gehandelt, das in engem Zusammenhang mit den schweren Konflikten innerhalb der türkischen Gesellschaft und der Leugnung nationalistisch motivierter Gewalt steht“, sagte Martin. Seiner Ansicht nach hängt es oft von den Interessen der Berichterstatter ab, welche Verbrechen gegen Christen als „Christenverfolgung“ gedeutet werden. So seien die Ermordungen des katholischen Erzbischofs von El Salvador, Oscar Romero, 1980 sowie des Priesters Ignacio Ellacuria und seiner Gefährten 1989 überwiegend als politische Attentate charakterisiert worden, obwohl die lutherische Kirche des Landes eine religiöse Deutung nahegelegt habe und prominente katholische Theologen von einer „Christenverfolgung in Südamerika“ gesprochen hätten. Martin: „Dass von den USA gestützte lateinamerikanische Regierungen kritische Christen verfolgten, ist bei uns nur einer Minderheit klar geworden. Manchmal gewinnt man den Eindruck, von Christenverfolgung werde heute nur dann gesprochen, wenn Verbrechen gegen Christen in einem muslimischen Umfeld geschehen.“ Zweifel äußerte er auch an den von Menschenrechtsorganisationen vorgelegten Zahlen. So habe „Open Doors“ vor einiger Zeit die Zahl der verfolgten Christen von 200 Millionen auf 100 Millionen korrigiert. In die Statistiken seien auch Fälle eingegangen, die in Deutschland niemals als Verfolgung angesehen würden: „Wenn Nokia-Siemens in Deutschland 3.000 Menschen entlässt, von denen vermutlich die Mehrheit Christen sind, dann handelt es sich dabei nicht um Bedrängung von Christen.“

„Arabischer Frühling“ brachte keine Verbesserungen

Für die Christen in Nordafrika und dem Nahen Osten hat der „Arabische Frühling“ laut Martin keine Verbesserungen gebracht. Die Aufstände in Tunesien, Ägypten und Libyen hätten sich vor allem gegen Armut und Perspektivlosigkeit gerichtet. Islamistische Parteien hätten sich als vermeintliche Fürsprecher der sozial Benachteiligten hervorgetan und damit schnell Mehrheiten bekommen. Kirchen wie etwa die Koptisch-Orthodoxe Kirche in Ägypten, die keine echte Tradition der sozialen Fürsorge hätten, seien in die Defensive geraten. Besonders dramatisch sei die Situation der christlichen Gruppen in Syrien, wo der Machthaber Baschar al-Assad als Schutzherr gegen das Vordringen eines Islamismus gelte. Dies bringe die Christen fast zwangsläufig zwischen alle Fronten.

Kirchen sollen sich nicht in Eigeninteressen verfangen

Martin appellierte an die Kirchen in den islamischen Ländern, „sich nicht in die Vereinzelung treiben zu lassen und sich nicht in Eigeninteressen zu verfangen“. Wenn die Kirchen zusammenstünden, könnten sie eine kraftvolle Stimme sein. Dies habe sich in Kairo am 11. November 2011 gezeigt, als sich im Stadtteil Mokattam über 70.000 Menschen zu einem ökumenischen Friedensgebet versammelten. Der christliche Fernsehsender Sat7 habe das Ereignis im ganzen Nahen Osten bekanntgemacht.