28.05.2012

Syrien: Christen zwischen allen Fronten

Die syrischen Christen stecken in einer Zwickmühle: Einerseits verurteilen sie die Gräueltaten von Regierungsseite scharf, andererseits bot ihnen das Assad-Regime Freiräume zur Praktizierung ihres Glaubens angesichts eines zunehmenden islamischen Extremismus.

Syrien: Christen zwischen allen Fronten

Die syrischen Christen stecken in einer Zwickmühle: Einerseits verurteilen sie die Gräueltaten von Regierungsseite scharf, andererseits bot ihnen das Assad-Regime Freiräume zur Praktizierung ihres Glaubens angesichts eines zunehmenden islamischen Extremismus.

Weltweites Entsetzen hat die blutige Eskalation des Konflikts in Syrien ausgelöst. Wenig beachtet wird die Lage der christlichen Minderheit: Sie gerät zwischen alle Fronten. In dem Land, in dem aus dem Christenverfolger Saulus der Völkerapostel Paulus wurde, kämpfen seit 15 Monaten überwiegend muslimische Aufständische gegen das seit 1963 herrschende sozialistische Regime. Die Truppen von Präsident Baschar al-Assad gehen trotz internationaler Proteste und der Anwesenheit von UN-Beobachtern ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung gegen die Oppositionellen vor. Beim bisher blutigsten Angriff beschossen sie am 25. Mai Wohngebiete in der Stadt Hula. Dabei kamen mindestens 108 Zivilisten ums Leben, darunter fast 50 Kinder und mehr als 30 Frauen. Am 27. Mai wurden rund 30 Personen bei einem Angriff auf die Stadt Hama getötet. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte das blutige Vorgehen scharf. Generalsekretär Ban Ki Mun sprach von „schrecklichen und brutalen Verbrechen“. Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan begab sich erneut nach Damaskus.

Christen in der Zwickmühle

Die syrischen Christen stecken in einer Zwickmühle: Einerseits verurteilen sie die Gräueltaten von Regierungsseite scharf, andererseits bot ihnen das Assad-Regime Freiräume zur Praktizierung ihres Glaubens angesichts eines zunehmenden islamischen Extremismus. So vertrieb im Frühjahr die Al-Faruk-Brigade, der Kontakte zum Terrornetzwerk El Kaida nachgesagt werden, die meisten Christen aus der Oppositionshochburg Homs. Dort wurden auch eine armenische Kirche und eine christliche Schule geplündert, beschlagnahmt und kurzerhand in einen Rückzugsraum für Aufständische umfunktioniert. An anderen Orten geraten Christen ebenfalls zunehmend unter Druck. Orthodoxe Stimmen sprechen gar von „ethnischen Säuberungen“.

ÖRK ruft zu „nationalem Dialog“ auf

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hatte bereits im Februar eine Solidaritätsbotschaft an seine fünf syrischen Mitgliedskirchen gerichtet und jede Form der Gewalt verurteilt. Schleunigst müsse ein Ende des Konflikts durch einen „nationalen Dialog“ gefunden werden, so das ÖRK-Exekutivkomitee. Es rief die Kirchen weltweit zur Fürbitte und „konkreten Aktionen der Solidarität“ auf. Von den 21 Millionen Einwohnern Syriens sind 90 Prozent Muslime und 6,3 Prozent Christen; davon sind jeweils drei Prozent Katholiken und Orthodoxe plus kleine Gruppen von Protestanten. Die übrige Bevölkerung besteht aus Nichtreligiösen oder Anhängern anderer Religionen.