30.04.2021

Ägypten: Christ im Nordsinai von Islamisten ermordet

„Die Straffreiheit für islamische Extremisten treibt sie und andere an, Kopten zu töten“

(Open Doors, Kelkheim)/ 30.04.2021 – Bereits im 1. Jahrhundert gab es eine lebendige Kirche in Ägypten, die beständig wuchs. Mit der Ausbreitung des Islam nahm die Schar der Nachfolger von Jesus Christus jedoch dramatisch ab. Heute stellen die Christen knapp 16 % der Bevölkerung. Ihre Bedrohung durch gewaltbereite Islamisten ist geblieben. So wurde vor knapp zwei Wochen der koptische Geschäftsmann Nabil Habashy Salama von Anhängern des ägyptischen Ablegers des „Islamischen Staats“ (IS) ermordet (wir berichteten).

Islamisten fordern Schutzsteuer

Der 62-jährige Nabil hatte den Bau der einzigen Kirche in seinem Heimatort im Norden des Sinai finanziert. Vielleicht deshalb wurde er am 7. November 2020 in Bir al-Abd mit vorgehaltener Waffe entführt. Die Entführer meldeten sich am 12. November per Telefon und erlaubten Nabils Sohn Peter, mit seinem Vater zu sprechen. Sie forderten zunächst zwei Millionen ägyptische Pfund (etwa 106.000 Euro) – jedoch nicht als Lösegeld, sondern als „Dschizya“ für die koptische Bevölkerung des Ortes. Nach islamischem Recht ist dies die Schutzsteuer, die Nichtmuslime an ihre muslimischen Herrscher zahlen müssen. Peter wurde 48 Stunden Zeit gegeben, das Geld von der koptischen Bevölkerung einzusammeln, wenn diese Nabil zurückhaben wollten. Später wurde der Betrag jedoch auf fünf Millionen erhöht.

Beim folgenden Anruf der Entführer teilte Peter mit, dass er den geforderten Betrag nicht habe. Diese drohten daraufhin, Peter und seinen Bruder Fady sowie ihren entführten Vater zu töten. Die inzwischen involvierte Polizei forderte die Brüder auf, die Gegend zu verlassen, da sie nicht für ihre Sicherheit garantieren könne. Die Familie musste also nur wenige Tage vor dem orthodoxen Weihnachtsfest fliehen. Sie bangten weiter um das Leben ihres Vaters, doch in einem weiteren Anruf hatten die Entführer zudem gedroht: „Wir wissen, wo ihr seid; wir wissen alles über euch.“ Der letzte Anruf kam Ende Februar: „Das war das letzte Mal, dass ich mit meinem Vater sprechen konnte. Danach haben wir nichts mehr gehört“, sagte Peter gegenüber dem christlichen Nachrichtendienst „World Watch Monitor“.

Am frühen Morgen des 18. April – einem Sonntag – schickten die Entführer ein Video an die Familie, auf dem die Ermordung von Nabil und zwei Stammesangehörigen der Sinai-Region zu sehen war, begleitet von erneuten Drohungen gegen die beiden Söhne. Außerdem wurde das Video auf dem Telegram-Kanal des IS-Ablegers veröffentlicht.

Schutz von Christen noch immer nicht gewährleistet

Die Angriffe des IS auf koptische Christen geschehen seit Jahren, so auch am 3. März. Kämpfer der Gruppe stoppten das Auto von Sobhy Samy Abdul Nour aus dem Dorf Jazeerat Masoud und erschossen den 40-Jährigen, als sie herausfanden, dass er Christ war. Sie stahlen sein Auto, sein Handy und seinen Ausweis und warfen seine Leiche auf die Straße, bevor sie flohen. Er wurde am 4. März in seinem Dorf beigesetzt.

Bereits 2017 waren auf der Sinai-Halbinsel innerhalb weniger Wochen acht koptische Christen von Islamisten grausam ermordet worden, die meisten von ihnen in ihrer eigenen Wohnung. Daraufhin flohen etwa 350 Familien aus al-Arish. Youssef Sobhy, Priester in der koptisch-orthodoxen Kathedrale St. Maria und St. Michael berichtete gegenüber World Watch Monitor: „Die Mehrheit der christlichen Familien ist geflohen, weil sie ins Visier der Islamisten geraten waren. Ihr Leben war in Gefahr, es gab keinen Schutz für sie.“

Im April 2017 bekannte sich der IS zu Anschlägen auf zwei Gottesdienste am Palmsonntag in Tanta und Alexandria, bei denen etwa 50 Menschen in den Tod gerissen wurden. Zuvor hatte die Gruppe in einem Video alle ägyptischen Christen als „Ungläubige“ bezeichnet, die sterben müssten. „Kairo wird befreit werden“, hieß es dort unter anderem.

Ein koptischer Aktivist, der aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden möchte, sagte zur aktuellen Situation: „Die Morde an Christen heutzutage […] sind nicht zu trennen von den früheren mörderischen Verbrechen gegen Kopten. Die tödlichen Hände sind ein und dieselben. Die Täter sind für ihre früheren Verbrechen nicht bestraft worden. Die Straffreiheit für islamische Extremisten, die Kopten wegen ihres Glaubens töten, treibt sie und andere an, Kopten noch mehr ins Visier zu nehmen und sie wegen ihres Glaubens an Jesus Christus zu töten.“

Auf dem Weltverfolgungsindex 2021 steht Ägypten an 16. Stelle der Länder, in denen Christen am stärksten wegen ihres Glaubens verfolgt werden.